Guten Rutsch

Dezember 29, 2007
Allen Abonnenten und Lesern und solchen, die es noch werden könnten (also allen Menschen dieser Erde), wünsche ich einen guten Rutsch in’s neue Jahr 2008. Besondere Wünsche schicke ich an folgende Menschen (in alphabetische Reihenfolge):
Achim
Anita
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Birger
Birgit
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Christiane
Christine
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Torsten
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Wim
Wolfgang
[Alle Namen sind nur einmalig aufgeführt, auch wenn mehrere Personen damit gemeint sein können. Alle, die ich trotz großer Sorgfalt vergessen haben sollte, bitte ich vorsorglich um Vergebung.]

Guten Rutsch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Der Silvestergruß Guten Rutsch ist etymologisch möglicherweise eine Ableitung aus dem Jiddischen, bzw. Bibel-Hebräischen und leitet sich vom hebräischen ראש השנה טוב Rosch ha-Schana tov (= einen guten Anfang – wörtlich Kopf – des Jahres; also etwa: „Gutes Neujahr“) ab.

Ob dieser Ausdruck tatsächlich aus dem Jiddischen stammt, ist allerdings umstritten, da es weder im Hebräischen noch im Jiddischen eine Grußformel gibt, die dieses „Rosch“ beinhaltet (etwa „Guten Rosch ha-Schana“ o.ä.); die gängige Formel lautet: „Schana tova“ (=Hebr.) oder „a gut yor“ (=Jidd.).

Andere Auffassungen (Lutz Röhrich im Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten; Heinz Küpper im Wörterbuch der Alltagssprache) leiten den Silvestergruß vom Gebrauch des Wortes „Rutsch“ für „Reise“ ab.

Siehe auch

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Bibliografische Angaben für „Guten Rutsch

Joachim Ringelnatz

Silvester

Es gibt bei Armen und Reichen
So manche Herzen bang und still;
Aus manchem dieser Herzen will
Die Sorge nimmer weichen.

Ich bin einer neuen Idee auf der Spur
Und überlege sie sehr:
Man sollte armen Leuten nur
Gutes tun oder sagen,
Ohne vorher oder hinterher
Nach ihnen zu fragen.

Wer hat das wohl zuerst bestellt,
Was nun so glatt sich leiert:
Daß jeder Stand und alle Welt
Terminlich trauert und feiert.

So wünschlein-pünschlein den andern gleich
Will ich mich nüchtern betrinken,
Um gegen Morgen durchs Federweich
In Kaktusträume zu sinken.

Etwa: Daß eine Mutschekuh,
Die vollgefressen mit Heu war,
Mein Zimmer betrat und rief mir zu:
»Prost Neujahr, Herr Doktor, prost Neujahr!«

Quellenangabe

Name Wert
type poem
booktitle Flugzeuggedanken
author Joachim Ringelnatz
firstpub 1929
year 1929
publisher Ernst Rowohlt Verlag
address Berlin
title Flugzeuggedanken
created 20050217
sender gerd.bouillon
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© Projekt Gutenberg

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berwis bei pixelio.de

Gustav Meyrink

Hony soit qui mal y pense

“Du, Fredy, was bedeutet den eigentlich dir rote, riesige ‘29′ dort drüben über dem Podium?”

“Na, weißt du, Gibson, du stellst manchmal Fragen!? – Was die ‘29′ bedeutet! – Weshalb sind wir denn hier? – weil Silvester ist – Silvester 1929!”

Die Herren lachten alle über Gibsons Zerstreutheit.

Graf Oskar Gulbransson, der unten im Saale stand, blickte zur Brüstung empor, und als er die fröhlichen Gesichter mit den modischen, lang herabhängenden Schnurrbartspitzen à la chinois über dem verschnörkelten Geländer sah, mußte er unwillkürlich mitlachen und rief hinauf: “Jemand einen Witz gemacht, eh? – Messieurs, wenn Sie wüßten, wie furchtbar lustig Sie mit Ihren mongolisch glattrasierten Schädeln da oben auf dem goldenen Balkon aussehen! – Wie Vollbluttataren. – Warten Sie, ich komme auch hinauf, ich muß nur meine Dame auf ihren Sitz führen. – Es fängt nämlich gleich an –: die Komtesse Jeiteles wird ein Lied von Kurt Sperling singen und der Komponist sie selber auf der Harfe begleiten, kurz: – (er legte die Hände wie Schalldämpfer an die Wangen) – es wird schau–der–haft!”

“Wirklich ein prachtvoller alter Aristokrat, dieser Graf Oskar, – riesig vornehm, und wie er durch das gelbe Seidengewimmel da unten schießt, wie ein Hecht”, sagte einer der Herren, ein Russe, namens Zybin. “Ich habe neulich ein Bild von ihm in der Hand gehabt, wie er vor fünfundzwanzig Jahren oder so ungefähr, aussah, – Frack, – ganz schwarz – von anno dazumal, aber trotzdem verdammt elegant.”

“Muß übrigens eine scheußliche Mode gewesen sein; schon die Idee, sich anliegend und noch dazu schwarz zu kleiden”, warf Fred Hamilton dazwischen, “wenn da auf einem Balle ein paar Herren bei einer Dame standen, mußte das ja rein aussehen, als ob sich die Raben um ein Aas – – – – – –” “In galanten Vergleichen leisten Sie wirklich Übernatürliches, Fredy”, unterbrach der Graf, der etwas atemlos, so schnell er war er die Stufen hinaufgelaufen, hinzutrat – “aber jetzt rasch, Messieurs, ein Glas Sekt, ich habe mich von Frau Werie bereits verabschiedet und möchte mich recht, recht, recht amüsieren.”

“Apropos, Graf, wer ist das junge Mädchen dort?” fragte Gibson, der immer noch von der Balustrade in den oval gebauten Saal hinabsah, aus dem eine Flut von hellroten Polstern, zu Sitzen für die Zuschauer aufeinandergelegt, in entzückendem Kontrast zu den goldgelben türkischen Pluderhosen der Damen und eine Nuance dunkleren Togavestons der Herren hervorleuchtete.

“Welche meinen Sie, lieber Gibson?”

“Die dekolletierte meine dort.”

Allgemeine Heiterkeit.

“Sie sind wirklich köstlich, Gibson; – die dekolletierte! – Es sind doch alle dekolletiert! – Aber ich weiß, wen Sie meinen, – die kleine Chinesin, nicht wahr, neben dem Professor R. mit dem schlecht rasierten Kopf? – Das ist ein Fräulein von Chün-lün-tsang. – – – – AH, da ist ja schon der Champagner!”

Ein livrierter Pavian war vorgetreten und wies zum Zeichen, daß der Wein serviert sei, mit seiner zottigen Hand auf den schillernden Vorhang, der den Hintergrund des Balkons abschloß.

“Eigentlich für Affen eine sehr kleidsame Tracht”, bemerkte ein Herr halblaut, um das Tier, das mittels Hypnose dressiert war und jedes Wort verstand, nicht zu kränken.

“Besonders die Idee, die Knöpfe mit Nummern zu versehen, ist sehr sinnreich, – dadurch kann man sie voneinander unterscheiden”, setzte Fredy hinzu. “Übrigens erinnert das an die kriegerisch lächerlichen Zeiten vor fünfundzwanzig Jahren. – – –”

Der dröhnende Schall einer Tritonmuschel schnitt ihm das Wort ab: das Konzert begann.

Die Bogenlampen erloschen, und der Saal in seinem zarten Schmuck aus japanischen Pfirsichblüten und Efeu versank in tiefe Finsternis.

“Gehen wir, Messieurs, es ist höchste Zeit, – sonst überrascht uns der Gesang”, flüsterte der Graf, und man schlich auf den Zehen in das Trinkzelt.

Hier war alles schon vorbereitet, – die Atlaspolster im Kreise geordnet und zum Sitzen oder Liegen geschlichtet, kleine Wannen aus Chinaporzellan daneben, voll Nelkenblätter zum Trocknen der Finger; – die Sektkelche, mit dem perlenden Gemisch von indischem Soma und Champagner soeben angefüllt, staken in Schulterhöhe in goldenen Drahtschlingen, die vom Plafond herabhängend durch rhythmisch leises Erzittern den Wein in stetem Moussieren erhielten. Von den Zeltwänden strahlte gleichmäßig mildes Kaltlicht aus und floß in märchenhaftem Glanze über die weichen seidenen Teppiche.

“Ich glaube, heute bin ich an der Reihe?” sagte Monsieur Choat, ein kirgisischer Edelmann. “Jumbo, Jumbo”, – und er rief in den winzigen Schalltrichter an dem Metallstab, der mitten vom Boden des Gemaches empor durch einen Ausschnitt im Plafond bis zur vollen Höhe des Hauses reichte; – “Jumbo, Jumbo, die Kugel, rasch, rasch!”

Im nächsten Augenblick glitt der Affe lautlos aus der Dunkelheit die Stange herab, befestigte eine kopfgroße, geschliffene Beryllkugel an zwei Schlingen und verschwand behende wieder in die Höhe.

Der Kirgise zog ein Mescal-Etui hervor und warf den weiten Seidenärmel zurück: “Darf ich vielleicht einen der Herren bitten?!” –

Geschickt brachte ihm der Graf mit einer Pravazschen Spritze eine Injektion am Arme bei: “So, das wird gerade für eine oder zwei Visionen ausreichen.”

Monsieur Choat schob die Beryllkugel ein wenig höher, so daß er sie bequem fixieren konnte, und lehnte sich zurück: “Also – worauf soll ich meine Gedanken richten, meine Herren?”

“Auf den neuen Propheten in Shambala, – Szenen aus einer römischen Arena, – Orionnebel, – Buddha im Stiftungsgarten Kosambi”, riefen alle durcheinander; jeder wollte etwas anderes. –

“Wie wäre es, wenn Sie einmal erforschen wollten, wo eigentlich das Paradies gestanden haben mag”, schlug Graf Oskar vor.

Gibson nützte die günstige Gelegenheit und schlüpfte unbemerkt aus dem Zelt, er hatte dies visionäre Schauen – diesen neuen Sport – nachgerade satt bis zum Überdruß, was kam dabei heraus? Farbenprächtige Halluzinationen, die jeder schilderte, so lebendig er konnte, – und was es eigentlich sei, ob unbewußte Gedanken, die der Beryll reflektierte, ob vergessene Vorstellungen aus früherem Dasein, war doch niemand zu sagen imstande.

Er trat an die Brüstung und schaute hinab.

Harfenakkorde, durchbrochen von abgerissen gesungenen Tönen, die zuweilen im Hintergrunde von einem jähen intensiven Aufblitzen eines Lichtfunkens, – rot, blau, grün, – begleitet waren, zitterten durch die Dunkelheit. – Moderne Musik!

Er lauschte gespannt diesen aufregenden Weckrufen, die seltsam ruckweise an das Herz brandeten, als sollten sie beim nächsten Pulsschlag die durch das Leben dünngeschabten Scheidewände der Seele zu neuer, unerhörter Verzückung durchbrechen.

Der Saal da unten lag in Finsternis, nur die Diamantagrafen im Haar und am Halse der Frauen und Mädchen warfen funkelnd den Schein von winzigen Radiumperlen, die wie Leuchtkäfer grünlich erglommen, auf in Opalpuder schimmernde Busen.

Unbeweglich standen die Herren hinter ihren Damen, und hie und da sah man die vergoldeten Fingernägel aufblitzen, wenn sie, Kühlung zufächelnd mit der Hand, in die unmittelbare Nähe des phosphoreszierenden Haarschmuckes gerieten.

Gibson mühte sich den Platz herauszufinden, wo Fräulein von Chün-lün-tsang sitzen mußte. – Noch heute wollte er den Grafen bitten, ihn vorzustellen – – – – –, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn höflich in das Zelt zurück.

“Ach, verzeihen Sie, lieber Gibson, wenn wir Sie gestört haben, – aber Sie sind ja ein großer Schriftgelehrter, und Monsieur Choat hat da so merkwürdige Visionen im Beryll gehabt und meint, daß sie sich wirklich auf das Paradies, – den Garten Eden, – beziehen könnten.”

“Ja, denken Sie nur, eine vorsintflutliche unendlich üppige Landschaft erschien mir”, bestätigte der Kirgise, “dabei Nordlicht, unsagbar prachtvoll, – weiß mit rosa Rändern, wie Spitzen herabhängend vom Himmel, und die Sonne, glühend rot, zog am Horizont entlang, ohne unterzugehen; es war, als ob sich das Firmament im Kreise drehe und – – –”

“Das sind doch alles die Himmelszeichen des Polarkreises, nicht wahr? – Denken Sie nur, die Wiege der Menschheit auf dem Nordpol!” unterbrach Graf Oskar. – Übrigens tropisches Klima war tatsächlich in grauer Vorzeit dort oben.”

Gibson nickte mit dem Kopf: “Wissen Sie, daß das alles sehr merkwürdig ist, – wie heißt es denn nur schnell im Zendavesta? Ja: ‘Dort oben sah man die Sonne, die Sterne, den Mond einmal nur kommen und gehen im Jahr’, – und: – ‘es schien ein Jahr ein einz’ger Tag zu sein’, auch steht im Rig-Veda, daß damals die Morgendämmerung tagelang am Himmel stand, ehe die Sonne aufging (die Herren stießen sich an: was der Mensch für ein unglaubliches Gedächtnis hat), und dann sagt schon Anaximenes – – –”

“Ich bitte dich um Gotteswillen, hör schon auf mit deiner Gelehrsamkeit”, rief Fredy und schlug den Vorhang zurück. – “Ah: die Musik ist aus.”

Blendende Helle strömte herein.

Ein plätscherndes, pritschelndes, tätschelndes Geräusch erfüllte den Saal und wollte nicht enden. –

“Welch ein Applaus, meine Herren, sehen Sie nur, wie der Opalpuder in die Luft steigt, – über die Brüstung kommt eine wahre Wolke herauf.”

“Eine recht merkwürdige Mode, diese Art zu applaudieren”, sagte jemand. “Daß sie übrigens dezent wäre, könnte man nicht – – –”

“Na, und wie weh das tun muß, – ich möchte keine Dame sein, bestimmt nicht – – – à propos, wissen Sie nicht, Graf, wer die erste war, die diese Mode erfand?”

“Das kann ich Ihnen ganz genau sagen”, sagte dieser lachend, “das war vor Jahren die Fürstin Juppihoy, eine sehr korpulente Dame, die gewettet hatte, die Menge werde ihr auch das nachmachen, – und sie hatte nicht nur die Courage, sondern auch – – – die Dekolletage dazu. – Sie können sich vorstellen, welches Entsetzen das damals erregte.”

Wieder erscholl das plätschernde, pritschelnde, tätschelnde Geräusch aus dem Saal empor.

Die kleine Gesellschaft schwieg nachdenklich.

“Warum eigentlich die Herren nicht auch mit applaudieren dürfen”, sagte plötzlich Gibson träumerisch.

Einen Augenblick große Verblüffung, dann brachen alle in ein stürmisches, schallendes Gelächter aus.

Gibson wurde rot: “Aber ich meine es doch gar nicht so; hony soit qui mal y pense.” – – –

Die Heiterkeit verdoppelte sich; Fred Hamilton wand sich auf seinem Polster; “Ha, ha, ha, um Gotteswillen, hör auf, – ich sterbe, – mir scheint, du hast an deine kleine Chinesin gedacht.”

Dröhnende Gongschläge hallten durch das Haus.

Der Graf hob sein Glas in die Höhe: “Messieurs, wollen Sie nicht anstoßen, so hören Sie doch”, – vor Lachen konnte er kaum weitersprechen, – “Messieurs, – es schlägt soeben 24 Uhr, – prosit Neujahr 1929, prosit, prosit!” –

Quellenangabe

Name Wert
type narrative
author Gustav Meyrink
title Des Deutschen Spießers Wunderhorn
sender hille@abc.de
created 20030803
firstpub 1913
pfad /meyrink/wunderho/book.xml

© Projekt Gutenberg

 

 

 

 

Adventskalender 24. Dezember 2007

Dezember 23, 2007

adventskalender_24.png

 

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Hoffmann von Fallersleben

 

 

Fröhliche Weihnachten überall!

 

“Fröhliche Weihnachten überall”
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Weihnachtston, Weihnachtsbaum,
Weihnachtsduft in jedem Raum!“Fröhliche Weihnacht überall!”
tönet durch die Lüfte froher Schall.
Darum alle
stimmet in den Jubelton,
denn es kommt das Licht der Welt
von des Vaters Thron.

 

“Fröhliche Weihnacht überall”
Licht auf dunklem Wege,
unser Licht bist du;
denn du führst, die dir vertrau’n,
ein zu sel’ger Ruh’.

 

“Fröhliche Weihnacht überall”
Was wir ander’n taten,
sei getan für dich,
daß bekennen jeder muß,
Christkind kam für mich.

heiligabend.png

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Theodor Fontane

Vor dem Sturm

Erster Band

Hohen-Vietz

 

Erstes Kapitel

Heiligabend

Es war Weihnachten 1812, Heiliger Abend. Einzelne Schneeflocken fielen und legten sich auf die weiße Decke, die schon seit Tagen in den Straßen der Hauptstadt lag. Die Laternen, die an langausgespannten Ketten hingen, gaben nur spärliches Licht; in den Häusern aber wurde es von Minute zu Minute heller, und der »Heilige Christ«, der hier und dort schon einzuziehen begann, warf seinen Glanz auch in das draußen liegende Dunkel.

So war es auch in der Klosterstraße. Die »Singuhr« der Parochialkirche setzte eben ein, um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen, als ein Schlitten aus dem Gasthof »Zum grünen Baum« herausfuhr und gleich darauf schräg gegenüber vor einem zweistöckigen Hause hielt, dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung trug. Der Kutscher des Schlittens, in einem abgetragenen, aber mit drei Kragen ausstaffierten Mantel, beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern hinauf; als er jedoch wahrnahm, daß alles ruhig blieb, stieg er von seinem Sitz, strängte die Pferde ab und schritt auf das Haus zu, um durch die halb offenstehende Tür in dem dunklen Flur desselben zu verschwinden. Wer ihm dahin gefolgt wäre, hätte notwendig das stufenweise Stapfen und Stoßen hören müssen, mit dem er sich, vorsichtig und ungeschickt, die drei Treppen hinauffühlte.

Der Schlitten, eine einfache Schleife, auf der ein mit einem sogenannten »Plan« überspannter Korbwagen befestigt war, stand all die Zeit über ruhig auf dem Fahrdamm, hart an der Öffnung einer hier aufgeschütteten Schneemauer. Der Korbwagen selbst, mutmaßlich um mehr Wärme und Bequemlichkeit zu geben, war nach hinten zu, bis an die Plandecke hinauf, mit Stroh gefüllt; vorn lag ein Häckselsack, gerade breit genug, um zwei Personen Platz zu gönnen. Alles so primitiv wie möglich. Auch die Pferde waren unscheinbar genug, kleine Ponys, die gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich vernachlässigt aussahen. Aber wie immer auch, die russischen Sielen, dazu das Schellengeläut, das auf roteingefaßten, breiten Ledergurten über den Rücken der Pferde hing, ließen keinen Zweifel darüber, daß das Fuhrwerk aus einem guten Hause sei.

So waren fünf Minuten vergangen oder mehr, als es auf dem Flur hell wurde. Eine Alte in einer weißen Nachthaube, das Licht mit der Hand schützend, streckte den Kopf neugierig in die Straße hinaus; dann kam der Kutscher mit Mantelsack und Pappkarton; hinter diesem, den Schluß bildend, ein hochaufgeschossener, junger Mann von leichter, vornehmer Haltung. Er trug eine Jagdmütze, kurzen Rock und war in seiner ganzen Oberhälfte unwinterlich gekleidet. Nur seine Füße steckten in hohen Filzstiefeln. »Frohe Feiertage, Frau Hulen«, damit reichte er der Alten die Hand, stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher. »Nun vorwärts, Krist; Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz. Das ist recht, daß Papa die Ponys geschickt hat.«

Die Pferde zogen an und versuchten es, ihrer Natur nach, in einen leichten Trab zu fallen; aber erst als sie die Königsstraße mit ihrem Weihnachtsgedränge und Waldteufelgebrumm im Rücken hatten, ging es in immer rascherem Tempo die Landsberger Straße entlang und endlich unter immer munterer werdendem Schellengeläut zum Frankfurter Tore hinaus.

Draußen umfing sie Nacht und Stille; der Himmel klärte sich, und die ersten Sterne traten hervor. Ein leiser, aber scharfer Ostwind fuhr über das Schneefeld, und der Held unserer Geschichte, Lewin von Vitzewitz, der seinem väterlichen Gute Hohen-Vietz zufuhr, um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu verbringen, wandte sich jetzt, mit einem Anflug von märkischem Dialekt, an den neben ihm sitzenden Gefährten. »Nun, Krist, wie wär’ es? Wir müssen wohl einheizen.« Dabei legte er Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den Lippen. Dies »wir« war nur eine Vertraulichkeitswendung; Lewin selbst rauchte nicht. Krist aber, der von dem Augenblick an, wo sie die Stadt im Rücken hatten, diese Aufforderung erwartet haben mochte, legte ohne weiteres die Leinen in die Hand seines jungen Herrn und fuhr in die Manteltasche, erst um eine kurze Pfeife mit bleiernem Abguß, dann um ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen. Er nahm beides zwischen die Knie, öffnete das mit braunem Lack gesiegelte Paket, stopfte und begann dann mit derselben langsamen Sorglichkeit nach Stahl und Schwamm zu suchen. Endlich brannte es; er tat, indem er wieder die Leine nahm, die ersten Züge, und während jetzt kleine Funken aus dem Drahtdeckel hervorsprühten, ging es auf Friedrichsfelde zu, dessen Lichter ihnen über das weiße Feld her entgegenschienen.

Das Dorf lag bald hinter ihnen. Lewin, der sich’s inzwischen bequem gemacht und durch festeren Aufbau einiger Strohbündel eine Rückenlehne hergerichtet hatte, schien jetzt in der Stimmung, eine Unterhaltung aufzunehmen. Ehe des Kutschers Pfeife brannte, wär’ es ohnehin nicht rätlich gewesen.

»Nichts Neues, Krist?« begann Lewin, indem er sich fester in die Strohpolster drückte. »Was macht Willem, mein Päth?«

»Dank schön, junger Herr, he ist ja nu wedder bi Weg.«

»Was war ihm denn?«

»He hett sich verfiert. Un noch dato an sinen Gebortsdag. Et is nu en Wochner drei; ja, up’n Dag hüt, drei Wochen. Oll Doktor Leist von Lebus hett’em aber wedder torecht bracht.«

»Er hat sich verfiert?«

»Ja, junger Herr, so glöwen wi all. Et wihr wol so um de fiefte Stunn, as mine Fru seggen däd: Willem geih un hol uns en paar Äppels, awers von de Renetten up’n Stroh, dicht bi de Bohnenstakens. Un uns’ Lütt-Willem ging ooch, un ick hürt’ em noch flüten un singen un dat Klapsen von sine Pantinen ümmer den Floor lang. Awer dunn hürt ick nix mihr, un as he nu an de olle wackel’sche Döör käm un in den groten Saal rinnwull, wo uns’ Äppels liggen un wo de Lüt seggen, dat de oll’ Matthias spöken deiht, da möt em wat passiert sinn. He käm nich un käm nich; un as ick nu nahjung un sehn wull, wo he bliwen däd, da läg he, glieks achter de Schwell, as dod up de Fliesen.«

»Das arme Kind! Und Eure Frau…«

»De käm ooch, un wi drögen em nu torügg in unse Stuv’ un rewen em in. Mine Fru hätt ümmer en beten Miren-Spiritus to Huus. As he nu wedder to sich käm, biwwerte em de janze lütte Liew, un he seggte man ümmer: ›Ick hebb em sehn.‹«

Lewin hatte sich zurechtgerückt. »Es geht also wieder besser«, warf er hin, und wie um loszukommen von allerhand Bildern und Gedanken, die des Kutschers Erzählung in ihm angeregt hatte, fuhr er hin und her in Erkundigungen, worauf Krist mit so viel Ausführlichkeit antwortete, wie ihm die Raschheit der Fragen gestattete. Dem Schulzen Kniehase war einer von seinen Braunen gefallen; bei Hoppenmarieken hatte der Schornstein gebrannt; bei Witwe Gräbschen hatte Nachtwächter Pachaly einen mittelgroßen Sarg, mit einem Myrtenkranz darauf, vor der Haustür stehen sehn, »un wihl et man en mittelscher Sarg west wihr, so hedden se all an de Jüngscht, an Hanne Gräbschen’ dacht. De is man kleen und piept all lang.«

Die Sterne traten immer zahlreicher hervor. Lewin lupfte die Kappe, um sich die Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen, und sah staunend und andächtig in den funkelnden Himmel hinauf. Es war ihm, als fielen alle dunklen Geschicke, das Erbteil seines Hauses, von ihm ab und als zöge es lichter und heller von oben her in seine Seele. Er atmete auf. Zwei, drei Schlitten flogen vorüber, grüßten und sangen, sichtlich Gäste, die im Nebendorf die Bescherung nicht versäumen wollten; dann, ehe fünf Minuten um waren, glitt das Gefährt unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges.

Bohlsdorf war drittel Weg. Niemand kam. An den Fenstern zeigte sich kein Licht; die Krügersleute mußten in den Hinterstuben sein und das Vorfahren des Schlittens, trotz seines Schellengeläutes, überhört haben. Krist nahm wenig Notiz davon. Er stieg ab, holte eine der Stehkrippen heran, die beschneit an dem Hofzaun entlang standen, und schüttete den Pferden ihren Hafer ein.

Auch Lewin war abgestiegen. Er stampfte ein paarmal in den Schnee, wie um das Blut wieder in Umlauf zu bringen, und trat dann in die Gaststube, um sich zu wärmen und einen Imbiß zu nehmen. Drinnen war alles leer und dunkel; hinter dem Schenktisch aber, wo drei Stufen zu einem höher gelegenen Alkoven führten, blitzte der Christbaum von Lichtern und goldenen Ketten. In diesem Weihnachtsbilde, das der enge Türrahmen einfaßte, stand die Krügersfrau in Mieder und rotem Friesrock und hatte einen Blondkopf auf dem Arm, der nach den Lichtern des Baumes langte. Der Krüger selbst stand neben ihr und sah auf das Glück, das ihm das Leben und dieser Tag beschert hatten.

Lewin war ergriffen von dem Bilde, das fast wie eine Erscheinung auf ihn wirkte. Leiser als er eingetreten war, zog er sich wieder zurück und trat auf die Dorfstraße. Gegenüber dem Kruge, von einer Feldsteinmauer eingefaßt, lag die Bohlsdorfer Kirche, ein alter Zisterzienserbau aus den Tagen der ersten Kolonisten. Es klang deutlich von drüben her, als würde die Orgel gespielt, und Lewin, während er noch aufhorchte, bemerkte zugleich, daß eines der kleinen, in halber Wandhöhe hinlaufenden Rundbogenfenster matt erleuchtet war. Neugierig, ob er sich täuschte oder nicht, stieg er über die niedrige Steinmauer fort und schritt zwischen den Gräbern hin auf die Längswand der Kirche zu. Ziemlich inmitten dieser Wand bemerkte er eine Pforte, die nur eingeklinkt war, aber nicht geschlossen war. Er öffnete leise und trat ein. Es war, wie er vermutet hatte. Ein alter Mann, mit Samtkäpsel und spärlichem weißen Haar, saß vor der Orgel, während ein Lichtstümpfchen neben ihm eine kümmerliche Beleuchtung gab. In sein Orgelspiel vertieft, bemerkte er nicht, daß jemand eingetreten war, und feierlich, aber gedämpften Tones klangen die Weihnachtsmelodien nach wie vor durch die Kirche hin.

Übte sich der Alte für den kommenden Tag, oder feierte er hier sein Christfest allein für sich mit Psalmen und Choral? Lewin hatte sich die Frage kaum gestellt, als er, der Orgel gegenüber, einen zweiten Lichtschimmer wahrnahm; auf der untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne. Als er nähertrat, sah er, daß Frauenhände hier eben noch beschäftigt gewesen sein mußten. Ein Handfeger lag da, daneben eine kurze Stehleiter, die beiden Seitenhölzer oben mit Tüchern umwunden. Das Licht der Laterne fiel auf zwei Grabsteine, die vor dem Altar in die Fliesen eingelegt waren; der eine zur Linken enthielt nur Namen und Datum, der andere zur Rechten aber zeigte Bild und Spruch. Zwei Lindenbäume neigten ihre Wipfel einander zu, und darunter standen Verse, zehn oder zwölf Zeilen. Nur die Zeilen der zweiten Strophe waren noch deutlich erkennbar und lauteten:

Sie sieht nun tausend Lichter;

Der Engel Angesichter

Ihr treu zu Diensten stehn;

Sie schwingt die Siegesfahne

Auf güldnem Himmelsplane

Und kann auf Sternen gehn.

Lewin las zwei-, dreimal, bis er die Strophe auswendig wußte; die letzte Zeile namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte. Dann sah er sich noch einmal in der seltsam erleuchteten Kirche um, deren Pfeiler und Chorstühle ihn schattenhaft umstanden, und kehrte, die Türe leise wieder anlehnend, erst auf den Kirchhof, dann, mit raschem Sprung über die Mauer, auf die Dorfstraße zurück.

Der Krug hatte indessen ein verändertes Ansehen gewonnen. In der Gaststube war Licht; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gespräch mit dem Krüger, während die Frau, aus der Küche kommend, ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch stellte. Sie plauderten noch eine Weile auch über den alten Küster drüben, der, seitdem er Witmann geworden, seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern pflegte; dann, unter Händeschütteln und Wünschen für ein frohes Fest, wurde Abschied genommen, und an den stillen Dorfhütten vorbei ging es weiter in die Nacht hinein.

Lewin sprach von den Krügersleuten; Krist war ihres Lobes voll. Weniger wollt’ er vom Bohlsdorfer Amtmann wissen, am wenigsten vom Petershagener Müller, an dessen abgebrannter Bockmühle sie eben vorüberfuhren. Aus allem ging hervor, daß Krist, der allwöchentlich dieses Weges kam, den Klatsch der Bierbänke zwischen Berlin und Hohen-Vietz in treuem Gedächtnis trug. Er wußte alles und schwieg erst, als Lewin immer stiller zu werden begann. Nur kurze Ansprachen an die Ponys belebten noch den Weg. Die regelmäßige Wiederkehr dieser Anrufe, das monotone Schellenläuten, das alsbald wie von weit her zu klingen schien, legte sich mehr und mehr mit einschläfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden. Allerhand Gestalten zogen an seinem halbgeschlossenen Auge vorüber; aber eine dieser Gestalten, die glänzendste, nahm er mit in seinen Traum. Er saß vor ihr auf einem niedrigen Tabouret; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem Fächer, als er nach ihrer Hand haschte, um sie zu küssen. Hundert Lichter, die sich in schmalen Spiegeln spiegelten, brannten um sie her, und vor ihnen lag ein großer Teppich, auf dem Göttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog. Dann war es plötzlich, als löschten alle diese Lichter aus; nur zwei Stümpfchen brannten noch; es war wie eine schattendurchhuschte Kirche, und an der Stelle, wo der Teppich gelegen hatte, lag ein Grabstein, auf dem die Worte standen:

Sie schwingt die Siegesfahne
Auf güldnem Himmelsplane
Und kann auf Sternen gehn.

Süß und schmerzlich, wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berührt hatten, berührten sie ihn jetzt im Traum. Er wachte auf.

»Noch eine halbe Meile, junger Herr«, sagte Krist.

»Dann sind wir in Dolgelin?«

»Nein, in Hohen-Vietz.«

»Da hab’ ich fest geschlafen.«

»Dritthalb Stunn.«

Das erste, was Lewin wahrnahm, war die Sorglichkeit, mit der sich der alte Kutscher mittlerweile um ihn bemüht hatte. Der Futtersack war ihm unter die Füße geschoben, die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet über seinen Knien.

Nicht lange, und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar. An oberster Stelle eines Höhenzuges, der nach Osten hin die Landschaft schloß, stand die graue Masse schattenhaft im funkelnden Nachthimmel.

Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer höher, sooft er dieses Wahrzeichens seiner Heimat ansichtig wurde. Aber er hatte heute nicht lange Zeit, sich der Eigentümlichkeit des Bildes zu freuen. Die beschneiten Parkbäume traten zwischen ihn und die Kirche, und einige Minuten später schlugen die Hunde an, und zwischen zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve und hielt vor der portalartigen Glastüre, zu der zwei breite Sandsteinstufen hinaufführten.

Lewin, der sich schon vorher erhoben hatte, sprang hinaus und schritt auf die Stufen zu. »Guten Abend, junger Herr«, empfing ihn ein alter Diener in Gamaschen und Frackrock, an dem nur die großen blanken Knöpfe verrieten, daß es eine Livree sein sollte.

»Guten Abend, Jeetze; wie geht es?«

Aber über diesen Gruß kam Lewin nicht hinaus, denn im selben Augenblick richtete sich ein prächtiger Neufundländer vor ihm auf und überfiel ihn, die Vorderpfoten auf seine Schultern legend, mit den allerstürmischsten Liebkosungen.

»Hektor, laß gut sein, du bringst mich um.« Damit trat unser Held in die Halle seines väterlichen Hauses. Ein paar Scheite, die im Kamin verglühten, warfen ihr Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenüber. Lewin sah sich um, nicht ohne einen Anflug freudigen Stolzes, auf der Scholle seiner Väter zu stehen.

Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf, während Hektor folgte.

Quellenangabe

Name Wert
type fiction
booktitle Vor dem Sturm
author Theodor Fontane
year 1982
publisher Insel Verlag
address Frankfurt am Main
isbn 3-458-32283-3
title Vor dem Sturm
pages 5
created 19990412
sender gerd.bouillon@t-online.de
firstpub 1878
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© Projekt Gutenberg

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Großes Weihnachts-Hörbuch-Special zum Advent 2007
Kostenlose Weihnachtsgeschichten, Märchen und Gedichte
für Ihren Hörbuch-Adventskalender

Allen Besuchern und Freunden meines Adeventskalenders 2007 wünsche ich

Frohe Weihnachten in allerhand Sprachen

Afrikaans: Geseende Kerfees!
Albanisch: Gëzuar Krishlindjet!
Apache: Gozhqq Keshmish!
Arabisch: I’D Miilad Said!
Aragonese: Nabidà!
Armenisch: Shenoraavor Nor Dari!
Asturisch: Bones Navidaes!
Bandang: Mbung Mbung Krismie!
Bengalisch: Shuvo Baro Din!
Bislama: Mi wisim yufala eerywan one gutfala Krismas!
Bretonisch: Nedeleg laouen!
Bulgarisch: Vasel Koleda!
Chaha (Äthiopien): Bogem h n mh m!
Cherokee: Danistayohihv!
Cheyenne: Hoesenestotse!
Dänisch: Glædelig Jul!
Deutsch: Fröhliche Weihnachten!
Englisch: Merry Christmas!
Eskimo: Jutdlime pivdluarit!
Esperanto: Gajan Kristnaskon!
Estnisch: Rõõmsaid Jõulupühi!
Faroer: Gledhilig jól
Finnisch: Hyvää Joulua!
Flämisch: Zalig Kerstfeest!
Französisch: Joyeux Noël!
Friaulisch: Bon Nadâl!
Friesisch: Noflike Krystdagen!
Georgisch: Gilotsavt Krist’es Shobas!
Griechisch: Kala Christougenna!
Hausa: Barka da Kirsimatikuma!
Hawaiianisch: Mele Kalikimaka!
Hebräisch: Mo’adim Lesimkha!
Herero: Okresmesa ombwa!
Hindi: Shubh Naya Baras!
Holländisch: Vrolijk Kerstfeest!
Indonesian: Selamat Hari Natal!
Irisch: Nollaig Shona Dhuit!
Iroquois: Ojenyunyat Sungwiyadeson homungradon nagwutut!
Italienisch: Buon Natale!
Japanisch: Shinnen omedeto!
Javanesisch: Sugeng Natal!
Jiddisch: Gute Vaynakhtn!
Kantonesisch: Seng Dan Fai Lok!
Katalonisch: Bon nadal!
Kirundi: Noeli Nziza!
Kom (Kamerun): Isangle Krismen!
Korsisch: Bon Natale!
Krio: Appi Krismes!
Kroatisch: Sretan Bozic!
Kurdisch: Seva piroz sahibe!
Ladinisch: Bon Nadel!
Lakota: Wanikiya tonpi wowiyuskin!
Lettisch: Prieci’gus Ziemsve’tkus!
Littauisch: Linksmu Kaledu!
Luganda: Amazalibwa Agesanyu!
Luxembourgeois: Schéi Krëschtdeeg!
Malaysisch: Selamat Hari Natal!
Maltesisch: Nixtieklek Milied tajjeb!
Makassar: Salama’ Natal!
Mandarin: Kung His Hsin Nien!
Manx: Nollick ghennal!
Maori: Kia orana e kia manuia rava!
Mazedonisch: Streken Bozhik!
Monégasque: Festusu Natale!
Ndogo: Esimano olyaKalunga gwokombandambanda!
Nepali: Krist Yesu Ko Shuva Janma Utsav Ko Upalaxhma Hardik Shuva!
Norwegisch: God Jul!
Palauanisch: Ungil Kurismas!
Polnisch: Wesolych Swiat!
Portugiesisch: Boas Festas!
Quechua: Sumaj kausay kachun Navidad ch’sisipi !
Rapa-Nui: Mata-Ki-Te-Rangi!
Rätoromanisch: Bella Festas daz Nadal!
Roma: Bachtalo krecunu Thaj!
Rumänisch: Craciun fericit!
Russisch: Pozdrevlyayu s prazdnikom Rozhdestva!
Sámi: Buorit Juovllat!
Sardinisch: Bonu nadale!
Schottisches Gaelisch: Nollaig chridheil!
Schwarzfuß: I’Taamomohkatoyiiksistsikomi!
Schwedisch: God Jul!
Schwyzerdütsch: Schöni Wienacht oder E guëti Wiënachtä!
Serbisch: Sretam Bozic!
Sizilianisch: Bon Natali!
Slowakisch: Vesele Vianoce!
Slowenisch: Vesele bozicne praznike!
Spanisch: Feliz Navidad!
Suaheli: Krismas Njema Na Heri!
Tagalog: Maligayang Pasko!
Tahitisch: Ia ora i te Noera!
Thai: Suksan Wan Christmas!
Tschechisch: Prejeme Vam Vesele Vanoce!
Ukrainisch: Veseloho Vam Rizdva!
Ungarisch: Kellemes Karacsonyiunnepeket!
Vietnamesisch: Chuc Mung Giang Sinh!
Walisisch: Nadolig LLawen!
Weißrussisch: Winshuyu sa Svyatkami!
Yupik/Sibirisch: Quyanalghii Kuusma!
Zulu: Sinifesela Ukhisimusi Omuhle!

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Heiliger Abend

Dezember 23, 2007

Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Kanada und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Joachim Ringelnatz

 

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen
Ich weiß auch warum -
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder!
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

 

Heiliger Abend

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

 

Ein Weihnachtsbaum

 

Ein Weihnachtsbaum

Der Heilige Abend, umgangssprachlich kurz Heiligabend genannt, ist am 24. Dezember der Vorabend des Weihnachtsfestes. An diesem Abend findet unter anderem in Deutschland, der Schweiz und in Österreich traditionell die Bescherung statt. Dennoch ist der 24. Dezember kein offizieller Feiertag.

Inhaltsverzeichnis


//

Allgemeines

 

 

“Julaftonen” (Der Heilige Abend) (1904-05), Aquarell von Carl Larsson

Nach dem antiken Kalender endete der Tag mit dem Sonnenuntergang, somit gehörte der Abend des 24. Dezember bereits zum Weihnachtstag. In Europa hat sich die familiäre Weihnachtsfeier mit Bescherung und Festessen mehr und mehr auf den Abend oder schon den Nachmittag des 24. vorverlagert. Neben den deutschsprachigen Ländern findet die Bescherung unter Anderem auch in Argentinien, Polen, Portugal und den nordischen Ländern am Heiligabend statt. In den meisten anderen, vor allem aber den englischsprachigen Ländern, werden die Geschenke erst am Weihnachtstag verteilt.

Weltlich gesehen gilt der Abend als besinnliches Fest, das traditionell im engsten Familienkreis gefeiert wird. Von vielen ist der Tag durchritualisiert. Zuerst folgt der Gottesdienstbesuch, danach die Bescherung und danach das Essen zum Heiligen Abend, das regional unterschiedlich begangen wird. In Deutschland ist es verbreitet, Kartoffelsalat mit Würstchen oder eine ähnlich einfache Mahlzeit zu essen, aber auch aufwändige Gerichte wie Gans oder Karpfen sind üblich.

Liturgie

Im liturgischen Kalender ist dem Heiligen Abend das Gedächtnis an Adam und Eva (Paradies und Sündenfall) zugeordnet: Er ist der letzte Tag der Adventszeit und wird noch heute vielerorts bis zur nächtlichen Weihnachtsmesse (Mette) als Fastentag begangen.

Auch die Gottesdienstzeit ist von Mitternacht immer weiter in die Abendstunden vorgezogen worden. Bei Sonnenuntergang am späten Nachmittag finden vielerorts bereits „Kinderchristmetten“ und „Krippenspiele“ statt. Die eigentliche Christmette darf gemäß den erneuerten liturgischen Vorschriften der Katholischen Kirche jedoch nicht vor 22 Uhr beginnen, da es sich um eine Nachtfeier handelt, weil Christus nach Auskunft des Neuen Testamentes nachts geboren wurde.

Termin

Das tatsächliche Geburtsdatum von Jesus Christus ist nicht bekannt. Der von der Kirche gewählte Termin für die Weihnachtsfeier fällt mit der Wintersonnenwende zusammen, was die Geburt von Jesus Christus mit der Rückkehr des Lichts nach den dunklen Wintermonaten verbindet. Zudem wurde dadurch der antike römische Feiertag des heidnischen Sonnengottes Sol Invictus abgelöst. Durch das erste Konzil von Konstaninopel 381 n. Chr. unter Kaiser Theodosius I. wurde die Feier der Geburt Christi am 25. Dezember zum Glaubensgrundsatz erklärt. Siehe dazu auch den Artikel Weihnachten.

Sonstiges

Nach dem Zweiten Weltkrieg brannten in vielen Fenstern an Heiligabend Grablichter. Mit dieser Geste wurde der Kriegsgefangenen gedacht, die nach Kriegsende noch nicht heimgekehrt waren. Diese Tradition versandete Anfang der 1960er Jahre, da die Anzahl der rückkehrenden Kriegsgefangenen stark sank.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Wiktionary

Wiktionary: Heiligabend – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen

Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Heiliger_Abend

 

Andere Sprachen

 

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Bibliografische Angaben für „Heiliger Abend

Portal:Weihnachten

Adventskalender 23. Dezember 2007

Dezember 22, 2007

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Robert Reinick

 

Das Christkind

 

Die Nacht vor dem Heiligen Abend,
da liegen die Kinder im Traum;
sie träumen von schönen Sachen
und von dem Weihnachtsbaum.Und während sie schlafen und träumen,
wird es am Himmel klar,
und durch den Himmel fliegen
drei Engel wunderbar.Sie tragen ein holdes Kindlein,
das ist der Heilige Christ;
es ist so fromm und freundlich,
wie keins auf Erden ist.

Und wie es durch den Himmel
still über die Häuser fliegt,
schaut es in jedes Bettchen,
wo nur ein Kindlein liegt.

 

Und freut sich über alle,
die fromm und freundlich sind;
denn solche liebt von Herzen
das liebe Himmelskind.

 

Wird sie auch reich bedenken
mit Lust aufs allerbest’
und wird sie schön beschenken
zum lieben Weihnachtsfest.

 

Heut schlafen noch die Kinder
und sehn es nur im Traum,
doch morgen tanzen und springen
sie um den Weihnachtsbaum.

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Joseph von Lauff

Pittje Pittjewitt

I. Vorklänge

»Kathje Peerenboom ist tot. – Komme.«

Ich wußte nicht, wo ich diesen Namen hintun sollte. Irgendwo im Leben war er mir schon begegnet, allein das ›Wie‹ und ›Wo‹ blieb mir verschleiert; ich konnte mir keine Rechenschaft darüber geben und würde der Depesche, die mir nach Utrecht, wo ich mich eines neuen Romanstoffes halber für einige Wochen aufhielt, nachgeschickt wurde, keine weitere Bedeutung beigelegt haben, hätte nicht unter der lakonischen Drahtnachricht ein Name gestanden, der mir von jeher lieb und teuer gewesen.

Noch einmal las ich: »Kathje Peerenboom ist tot. – Komme. – Pittje Pittjewitt.«

Mein Buch beginnt mit Trauer und endet mit Trauer. Es ist ernst und zum großen Teil mit tiefer Wehmut geschrieben – und dennoch: es ist zuweilen, als wenn sich das Bahrtuch leise bewegte, als wenn sich ein launiges Gesicht aus den Falten vordrängte, das Näschen rümpfte, die Lippen schalkhaft verzöge und spräche: »Hier bin ich! – Jantje Klaas, Jantje Klans!« –

»Komme…!«

Der Name Pittje Pittjewitts entschied; ich machte mich reisefertig. – Gegen drei Uhr stampfte und polterte der Zug von Utrecht durch die verschneite Veluwe. Ich hatte meine Zigarre in Brand gesetzt und sah in die Landschaft hinaus, die verschleiert und mißfarben endlos sich dehnte. Feine Schneeflocken rieselten gegen die Wagenfenster, die Telegraphendrähte hoben und senkten sich, glühe Fünkchen sausten vorüber, und vereinzelte Krähen zogen hoch über das Schneefeld und strebten dem fernen Westen zu, der allmählich eine dunstige und ziegelrote Färbung annahm.

Prustend, pfeifend, keuchend und polternd ging es weiter und weiter. Draußen zogen tiefe Schatten über die Landschaft. Wie in Kobaltbläue getaucht, traten niedrige Giebel, vereinzelte Liegenschaften und Windmühlen in die Erscheinung, um wieder rasch zu verschwinden.

Ich hatte mich in die Wagenpolster gedrückt und sah den Rauchbildern nach, die den matten Schein des Abteillichtes noch matter gestalteten. Mir ging mancherlei durch den Kopf. Allerhand Kombinationen verflocht ich mit dem geheimnisvollen Telegramm, das mir erst vor wenigen Stunden zugegangen war, ja – mir schien es, als wenn Pittje Pittjewitt lautlos hereinschwebte, mir gegenüber in feierlichster Weise Platz nähme und blaue Rauchwölkchen aus seiner Gaudaer Tonpfeife bliese, die sich mit den meinen vereinten. – Wirklich – da saß er; ein Schemen nur, aber er war es: der veritable Pittje. Derselbe altmodische Zylinder, nur mit einem breiten Trauerflor umgürtet, derselbe knallrote Paraplü, dasselbe glattrasierte Gesicht mit den blendendweißen Vatermördern, der braune Überrock, die großgemusterten Hosen und dasselbe nadelscharfe Spucken wie ehemals. Nur wollte es mir scheinen, als wenn ein elegischer Zug seine eingekniffenen Lippen umspiele: ein krankhaftes, wehmütiges Lächeln, das ich in früheren Tagen nicht bei ihm bemerkt hatte. Aber die großen, wasserhellen Augen, die mich traurig ansahen, die charakteristischen Kringel und Ringel, die dem Tonkopf entstiegen, waren noch immer dieselben. – Das alte Heimatsgefühl beschlich mich bei seinem Anblick in verstärkter Weise. Ich beugte mich vor, um die lieben, gerunzelten Hände zu fassen, als mich eine blendende Helle umfing, ein schrilles Pfeifen ertönte und der Zug langsam in eine geräumige Halle einkeuchte.

»Elten – Gepäckrevision!«

Laute des holländischen und niederrheinischen Idioms schlugen betäubend an mein Ohr, ein Hasten und Drängen … Die Waggontüren wurden aufgerissen und wieder zugeschmettert, ein Stampfen und Schrillen, und wieder ging es in die dunkle Nacht und in die verschneite Landschaft hinaus – aber mein Gegenüber war spurlos verschwunden.

Ich hüllte mich fester in den Mantel, gab mich stillen Träumereien hin und brütete weiter, bis der Zug über verschiedene tote Rheinarme rasselte und nach kurzer Fahrt Kleve erreichte.

»Aussteigen – alles aussteigen!«

Draußen wehte ein eisiger Nordost, und blendende Schneekristalle, die im dunstigen Licht der Gaslaternen auf und nieder flimmerten, flogen mich an. – Jenseits der Bahnstation kletterten die eingeschneiten Häuser der Stadt bis zum Schloßberg empor, dessen massiger Schwanenturm in verschwommenen Rissen düster und ernst von seiner Höhe heruntergespensterte.

Ich atmete heimatliche Luft und befand mich nicht weit von dem Fleckchen Erde, wo ich meine erste Jugend verlebte. Ach! – wie das wohl tat. – Nur die grimmige Kälte nagte bitter an Ohren und Nase, während die schneidenden Schneekristalle die Haut wie mit Nadelspitzen berührten. Kurz entschlossen zog ich den Mantelkragen bis über den Hut empor und trat mit meinem geringen Reisegepäck vom Bahnsteig ins Freie. Der irrlichtartige Schein von zwei Laternen kam mir entgegen. Er rührte von einer schwerfälligen Postkutsche her, die mich in die engere Heimat befördern sollte. Der Schwager saß schon obenauf, als ich einstieg. Der Wagen war nur spärlich erleuchtet, so daß ich außerstande war, das Gesicht der hageren Gestalt deutlich zu erkennen, die sich mit zusammengefalteten Händen in eine Ecke gedrückt hatte. Erst als der Postschaffner kam, mir die Fahrkarte einhändigte, und der grelle Schein der Schaffnerlaterne eine fast Tageshelle schaffte, konnte ich meinen Mitpassagier in die Kategorie der katholischen Geistlichen versetzen, der, mit einem niedrigen Hut, soutanenartigen Überrock, Kniehosen und Schnallenschuhen bekleidet, stetig die schmalen Lippen bewegte und sichtlich damit beschäftigt war, sein Brevier mit kaum wahrnehmbarer Stimme herunterzunäseln. Er hatte die Augen geschlossen und schien die Mitte der Sechziger schon überschritten zu haben.

»Fertig!«

Ein lautes Schnalzen mit der Zunge ertönte vom Bock. Die Postklepper zogen an, und, von dem trüben Schein der Wagenlaternen auf beiden Seiten begleitet, ging es über die breite Landstraße in die niederrheinische Gegend hinein. Von Adventschauern umgeben, mit meinen Gedanken in die Jugendzeit versetzt, verfiel ich allmählich in einen traumhaften Zustand, der so fest war, daß er auch durch das Klappern des Wagens und das oft heftige Stoßen der Räder nicht aufgelöst wurde. Nur zuweilen hoben sich zwinkernd die Augenlider. Der geistliche Herr hockte noch immer in seiner Ecke, steif und regungslos, und ich hätte ihn für eine Wachspuppe halten können, wäre nicht das stetige, monotone Näseln bei ihm hörbar gewesen.

So mochten wir eine Stunde gefahren sein, als ich in meiner traumhaften Verfassung eine weiße Gestalt zu sehen glaubte, die mir in eigentümlicher Haltung gegenüber saß.

Richtig – da saß sie, traurig, totenstill und gespenstisch. Eine blendendweiße Nachtmütze, an deren Zipfel sich eine gefranste Leinentroddel befand, war ihr bis über die Ohren gezogen. Bläuliche Schatten hafteten auf den Fingernägeln der zusammengefalteten Hände. Das Gesicht hatte ein porzellanartiges Aussehen, und die Nase ähnelte dem Schein von Diaphanglas. Rechts und links von dem einsamen, mit weißem Leinen bekleideten Manne erhoben sich zwei Wachskerzen auf gelben Metalleuchtern, die gleichsam in der Luft zu schweben schienen. Deutlich hörte ich das Geräusch des auf die Messingschalen niedertropfenden Wachses. Und die Gestalt, die da so still und regungslos, so traurig und doch so friedlich mir gegenüber Platz genommen hatte … das totenbleiche Gesicht … die brennenden Wachskerzen … Eine quälende Angst ergriff mich. Der traumartige Zustand löste sich auf.

Sollte das ein Vorgesicht sein?!

»Pittje Pittjewitt …!«

Ich mußte deutlich gesprochen, wenn nicht gerufen haben, denn der geistliche Herr in der Ecke räusperte sich, sah mich fragend an und meinte zuletzt: »Ich glaubte soeben von Ihnen einen Namen zu hören, nun der – sagen wir: kennen Sie den Träger desselben?«

Die Art und Weise, wie dies vorgebracht wurde, das Breite der Sprache und die Klangfärbung in der Betonung bewiesen deutlich, daß der Fragesteller dem Niederrhein entstammte.

»Schon seit Jahren, mein Herr.«

»So! – dann sind Sie der hiesigen Gegend auch wohl selber nicht fremd?«

»Nein. – Ich habe hier meine Jugendjahre verlebt.«

»Hm!« sagte der geistliche Herr, »und Sie reisen nach dort?«

Dabei zeigte er mit dem Daumen über die Schulter und nannte gleichzeitig den Namen der kleinen Stadt, der wir nun schon seit einer Stunde entgegenratterten.

»Allerdings.«

»Hm! – und Sie haben Geschäfte allda?«

»Das weniger. Ein Telegramm meines hochbetagten Freundes Pittje Pittjewitt … Und Sie?«

»Eine traurige Veranlassung führt mich dorthin. Ich will eine Schwester begraben.«

»Kathje …!« kam es unwillkürlich von meinen Lippen. »Kathje Peerenboom – ja. Sie wissen?«

»Pittje Pittjewitt …«

»Ach, der!« fiel der geistliche Herr naserümpfend dazwischen. »Was kann aus seinem Munde Heilsames kommen?!«

»Ich muß mir ernstlich …«

»Schon gut,« sagte mein Partner, zog ein Taschentuch aus seiner Soutane und trompetete in den höchsten Tönen in den buntfarbigen Schirting.

»Ihr Urteil befremdet mich,« begann ich von neuem. »Ich halte Herrn Pittjewitt für einen Ehrenmann vom Kopf bis zur Sohle – und kann es nicht dulden …«

»Schon möglich,« lenkte der geistliche Herr ein, »wenn Sie diese Fülle des Lobes auf seine bürgerlichen Eigenschaften beziehen; allein« – und seine breite Stimme nahm eine scharfe Betonung an – »seine Antezedentien auf kirchlichem Gebiet, sagen wir seine religiösen Anschauungen, stehen auf tönernen Füßen und werden von uns in höchst geringer Weise bewertet. Leider – wir können nicht anders.«

»Das mögen Sie halten, wie es Ihnen beliebt. Was mich persönlich anbetrifft,« fuhr ich in gereizter Stimmung fort, »so stehe ich nicht an, mein obiges Urteil völlig und ohne Einschränkung aufrecht zu erhalten. Ehrlich hat er sich durchs Leben geschlagen, ehrlich hat er gekämpft und gerungen und ehrlich, geachtet von seinen Mitmenschen, wird er dereinst liegen, wenn ihm das letzte Hemd über die Nase gereckt wird. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, und alle, die ihm näher standen und stehen im Leben – ich bin überzeugt – sie tun dasselbe.«

»Viel des Lobes,« entgegnete mein Mitreisender. »Hm! – ich möchte fast glauben …«

»Nun?«

Der geistliche Herr rückte näher, fixierte mich lange, dann fragte er mit verhaltener Stimme, indem ein sondierendes Lächeln seine markanten Züge belebte: »Kennen Sie den Roman ›Kärrekiek‹?«

»Allerdings.«

»Und das neuerdings vielfach aufgeführte Drama ›Der Heerohme‹?«

»Auch das.«

»Hm, hm! – So, so!« machte der geistliche Fragesteller. »In diesen Werken wird allerdings Ihrem Freunde die Verhimmelungsfanfare in allen nur möglichen Tonarten geblasen; aber auch hervorragende Kapazitäten auf dem Gebiete der katholischen Journalistik haben dieserhalb dem verdammenswerten Autor ein heroisches ›Quos ego!‹ entgegen gerufen.«

»Das ist mir bekannt.«

»Niedergeschmettert haben sie ihn. – Mit attischem Salz haben sie ihn über und über begossen.«

»Und das glauben Sie selbst? – Machen Sie doch keine Faxen und Fisematenten.«

»Ich? – Natürlich! – Da standen diese selbstlosen Männer, diese Geisteshelden der Provinzialen Volkszeitung, der Alemannia und des Sankt Bonifaziusblattes und vertobakten ihn, daß man’s knallen hörte, wo christkatholische Menschen ihren Herrgott verehren. Geschah ihm recht – diesem… Ja, diese Männer, diese streitbaren Helden der Feder … !«

»Auguren!«

»Was?«

»Auguren, mein Herr. – Die tun man so, die kennen den Rummel. – Mache, Parteiinteresse, Verdummungsprinzip…! – Aber wenn sie allein sind, unter sich sind, huida! – dann blinzeln sie und gerieren sich, wie die Karnickel unter Gottes freier Himmelslaterne.«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen…?«

»Ich sage nichts. – Seien sie unbesorgt, mein Herr. Der vertobakte Poet kennt sich aus und weiß diese würdigen Männer zu schätzen. Auguren!«

»Aber – erlauben Sie mal! – Selbst hochkonservative Blätter…«

»Na – ja! – Ich brauche Sie Wohl nicht an den alten Vers zu erinnern, der da lautet:

So Junker wie Pfäfflein, sie fischen im trüben,
Und allzeit die nämliche Praktik sie üben.
Kommt der Junker in Not, springt das Pfäfflein heran,
So vics versa – der Edelmann.«

»Aber, mein Herr…!«

»Nun?«

»Ich möchte fast glauben – ich möchte fast annehmen, daß Sie…«

»Was denn?«

»Daß Sie der Verfasser…«

»Ich?« »Ja.«

»Stimmt.«

»Dann allerdings – da muß ich leider bedauern…«

»Gut – so ist uns beiden geholfen.«

Wie von der Tarantel berührt, kapriolte der geistliche Herr in den äußersten Winkel der Postkutsche hinein, duckte sich da und begann wieder in wehmütigen Nasallauten das monotone Brevier gegen die beschlagenen Scheiben des Wagens zu beten.

»Ratter…! – Ratter…!«

Trotz des gefallenen Schnees stuckerten die Räder über das holperige Pflaster mit lautem Getön in die kleine niederrheinische Stadt ein. Rechts und links kamen Öllaternen in Sicht. Die Läden waren bereits geschlossen, die Blenden vorgelegt; nur hier und da ein spärliches Lämpchen, das nachdenklich sein kümmerliches Dasein am Docht fristete. Sonst war alles tot und still auf den vereinsamten Straßen.

Mit einer scharfen Wende bogen wir auf den stattlichen Markt ein und hielten am Posthaus. Da lagen sie und träumten im Schnee, die guten, alten Bekannten: das Standbild des Reitergenerals Seydlitz, das Rathaus und die ehrwürdige Linde – und weiter zur Rechten die Wirtschaft von Dores Küppers mit erleuchteten Fenstern.

Der Wagenschlag wurde aufgerissen.

»’ne kalte Nacht,« sagte der Schaffner.

»Sehr kalt.«

»Wohin mit dem Gepäck, Herr?«

Eine kurze Handbewegung verständigte ihn. »Wollen’s besorgen. – Gute Nacht, Herr.«

»Gute Nacht.«

Ich griff in die Tasche und drückte ihm mit spitzen Fingern die Hand.

»Danke.«

Der geistliche Herr war verschwunden.

»Für Pittje Pittjewitt ist’s heute abend doch zu spät,« meditierte ich, »also stehenden Fußes zu Dores.«

In diesem Augenblick hallte die neunte Abendstunde durch die Stille der Nacht hin.

Als ich bald darauf das Gastzimmer von Dores Küppers betrat, schlug mir ein Pfeifenrauch, ein qualmiger Tabakshecht entgegen, so kompakt und auserwählt, daß man ihn mit einem scharfen Messer wie einen Limburger Käse hätte zerlegen können. Die Herren an den verschiedenen Stammtischen waren kaum zu erkennen. Die allmächtige Schirmlampe, die von der verräucherten Decke herabhing, hatte in diesem Dunst einen trüben Lichthof um sich gezogen, und der eiserne Kanonenofen, der in der Nähe des Schanktisches puffte und fauchte und glühe Partikelchen mit heiserem Knistern in den Aschenkasten versenkte, war nicht imstande, seine hochroten Backen richtig zur Geltung zu bringen. Bevor ich mich an das Qualmige und Nebelhafte des Wirtszimmers gewöhnt hatte, mochte eine geraume Spanne verflossen sein. Die Augen tränten mir. Ich stand ratlos, als plötzlich eine helle Stimme ertönte, die von einem rückwärts gelegenen Tisch herkam.

»Kärrekiek!«

»Kreuzkuckuck noch mal – wer rief da?« Und wieder derselbe Lockruf, aber lauter und mit hellem Gelächter gemischt: »Kärrekiek! – Kärrekiek!« – dem ein jubelndes »Tag, Jupp!« folgte.

Ich war näher getreten, und richtig – da saßen sie, die lieben Kumpane aus verklungener Jugendzeit: Franz Dewers, der Dachdeckermeister, und Jan Höfkens, der Mühlenbesitzer vorm Kesseltor.

Herr Jeses – war das eine Freude!

»Darf ich ‘ran hier?«

»Das könntest Du,« sagte Jan Höfkens und rückte mir einen bequemen Ledersessel zurecht.

»’ne Bouteille mit Rotspon!« ließ ich meine Stimme vernehmen.

»Fein!« machte Franz Dewers und schnüffelte wieder wie in früheren Tagen.

»Auch der Lateiner wäre hier,« fiel Jan Höfkens dazwischen. »Er täte bei seiner Mutter den heiligen Christ verleben. Er wollte nur das Wetter draußen besehn un käme gleich wieder.«

»Auch der?!« rief ich freudig. »Angestoßen, Ihr alle sollt leben!«

»Pröstchen …!«

Der Rote machte die Augen und die Herzen lebendig – als die Türe aufging und der lateinische Heinrich in seiner ganzen früheren Würde und Herrlichkeit das Zimmer betrat. Noch immer dasselbe Pathetische in seinem äußeren Menschen, noch immer die zu kurzen Hosen und lachsfarbigen, baumwollenen Strümpfe, noch immer derselbe wehleidige Augenniederschlag und das Unstete im Bewegen der Arme … alles wie früher! – nur die giftigen, schweinfurtergrünen Plüschpantoffeln fehlten, und auch der innere Mensch hatte sich im Laufe der Jahre völlig gewandelt. Aus dem frömmelnden Jungen von damals war ein Mann geworden, der an einer der bedeutendsten Zeitungen des Westens eine führende Stellung innehatte und eine Feder handhabte, die, wenn sie ansetzte, alle Düsterer und Dunkelmänner in die äußersten Winkel verscheuchte.

»Jupp wäre angekommen!« schrie ihm der sommersprossige Semmelfuchs Jan Höfkens entgegen.

»Favete linguis!« sagte der lateinische Heinrich und machte dabei dieselbe unnachahmliche Handbewegung wie früher.

Ich war nahe daran, und zwar infolge eines plötzlich aufgetretenen Lachkitzels, das soeben genossene Schlückchen Rotwein über die blankgescheuerte Platte des Tisches zu prusten, als der Lateiner gravitätisch auf mich zukam, die Arme breitete und in die salbungsvollen Worte ausbrach: »Habemus Josephum!«

Da war’s alle mit mir.

Ich lag an der Brust des braven Gesellen, und die Tränen wollten mir kommen; dann klangen die Gläser zusammen.

»Dein Roman ›Kärrekiek‹ soll leben, der uns alle verewigt!« sagte der lateinische Heinrich.

»Bravo!« schnüffelte Franz.

»Ich täte mich anschließen,« ergänzte Jan Höfkens, wobei er den Rotspon hinter die etwas verstäubte Müllerjacke hinabgoß.

Wir setzten uns. »Also der Roman gefällt Euch?« fragte ich nach einiger Weile.

»Gefällt uns!« kam es unisono zurück.

»Und Ihr seid mit den Rollen zufrieden, die Euch in demselben zugeteilt wurden?«

»Sind wir!«

Franz Dewers und der lateinische Heinrich hatten gesprochen, während der Sommersprossige stocksteif ins Glas sah.

»Na – und Du, lieber Johannes?«

»Ich wäre es nich,« muffelte der Gefragte, wobei sein Gesicht ein patziges Aussehen bekam. »Nein – ich wäre es nich.«

»Schweige, Johannes,« trumpfte der Lateiner auf und klappte die Augendeckel herab. »Du bist bereits an den Deponentien gescheitert, vom accusativus cum infinitivo gar nicht zu reden. Was versteht der Bulle vom Flageolettspiel? und darum: im Kreise gebildeter Männer Hast Du über derlei Fragen zu schweigen.«

»Das könnte ich wohl, aber das täte ich nich,« eiferte Jan, »denn die Sache wäre mir zu schanierlich gewesen.«

»Wie so denn, lieber Johannes?« fragte der lateinische Heinrich, indem er ihm die Hand salbungsvoll und mit einem tiefen Seufzer auf die Schulter legte.

»Weil ich hierdurch Malör gehabt hätte,« erwiderte Jan, »denn als ich vors Jahr an Minken Umbach sagte, ob sie heiraten täte, da fragte sie: Ihnen? – un als ich denn nickte, da meinte sie mit so ‘nem grieflichen Lachen: das wäre eine große Ehre for mir. – Ich könnte es Wohl, aber ich täte es nich… Un nu säße ich da.« Ein wieherndes Gelächter hallte in diesem Augenblick durch die Dores Küpperssche Gastwirtschaft.

»Tristissime!« bedauerte der Lateiner, aber es wäre dennoch zu einem Bruch der Freundschaft gekommen, hätte sich der Sprecher nicht in allen nur möglichen heilsamen und einlenkenden Trostworten ergangen, wäre sein Mienenspiel nicht ein reelles gewesen und hätte er nicht, wobei er mit einer drastischen Pose auf den ahnungslosen Franz Dewers deutete, die denkwürdigen Worte zitiert: »Solamen miseris socios habuisse malorum!«

Der Semmelfuchs sah ihn fragend und mit aufgerissenen Augen an.

»Das könnte ich nich verstehen,« sagte er kleinlaut.

»Weiß ich – und habe es schon immer gewußt, allein ich kann doch nicht dafür regreßpflichtig gemacht werden, daß Du, mein lieber Johannes, des Lateinischen unkundig bist?! Aber rücksichtlich des vorliegenden Falles und aus aufrichtiger Neigung zu Dir soll Dir die genügende Aufklärung werden.«

Wiederum deutete er auf den braven Dachdeckermeister, dessen Nase sich schnüffelnd in das Burgunderrot des vor ihm stehenden Kelchglases versenkt hatte.

Mit lauter Stimme und sich auf hohem Kothurn wähnend, begann er:

»Allzeit tröstlich im Leben, tröstlich bei jeder Misere Ist es, einen Genossen, einen Bruder zu haben im Unglück; Darum, mein lieber Johannes, wende die Blicke auf diesen, Siehe Franz Dewers Dir an, der in derselben Affäre Gerade wie Du vor Zeit neben den Fettkump gegriffen Und das Bräutchen verpaßte, wie der eifrige Jäger das Rebhuhn, Als er im Eifer der Jagd vergaß die Hähne zu ziehen. Aber was fruchtet’s? – Dahin ist dahin! – und darum, Ihr Freunde, Angestoßen, geklingt, es lebe der gute Johannes, Der nun mahlt das Korn zu Mehl auf malmender Mühle, Es lebe Franziskus, der, als trefflicher Dachdeckermeister, Schlupft aus dem Schlupfloch hervor, den schlüpfrigen Schiefer zu festen. Angestoßen; die beiden – sie leben, es lebe die Freundschaft!«

Hei! – wie klangen die Gläser zusammen, und als eine zweite Flasche Langkork bestellt war, und wieder das tiefe Rot in den Kelchen stand, erhob sich der Lateiner noch einmal, warf einen vielsagenden Blick auf mich und meinte: »Jetzt zu Dir, mein Jupp, in Apoll uns ein werter Genosse. – Aber nicht, wie beim Volk der edlen Phäaken es üblich, Will ich Dich fragen, nicht wie das übliche Verslein es vorschreibt: Quis? Quid? Ubi? Quibus auxilis? Cur? Quomodo? Quando? – Fragen will ich Dich nur, warum bei fast schlafender Nachtzeit, Schneegestöber und Celsius minus dreizehn der Grade Du die Reise gemacht zu Deinen Jugendpenaten? Jetzt, wo die Spatzen im Nord erfroren fallen vom Giebel, Wo im Kanonenofen verpufft die schwärzliche Kohle, Und die Kälte im Zahn die bohrenden Geisterlein aufweckt. Ziemt es sich nicht landfahrend zu sein – ein schweifender Sänger. Dieses erwägend und staunend ob Deiner Hierherkunft Sei mir die Frage vergönnt, warum Du vom trefflichen Eh’weib, So da behaglich daheim das trauliche Nestlein behütet, Abschied genommen – kurzum: was ist der Zweck Deiner Reise? Siehe, ich stehe allhier – und wisse, ein Freund harrt auf Antwort, Also – ich habe gesprochen mit Nachdruck und setze mich wieder Auf den Dores Küppersschen Sessel und bringe Dein Wohl aus. Prosit, alter Geselle – sollst leben und alle die Deinen!«

Triumphierend sah sich der Lateiner um, als er diese Epopöe von sich gegeben.

»Bravo!« schrie Franz Dewers, und der Kerl hätte beinahe wie in früheren Tagen einen regulären Purzelbaum vor lauter Freude geschlagen; allein er bezwang sich, trommelte auf den Tisch und meinte: »Ne, die Poesie – die Poesie! – Wenn das noch meine Großmutter erlebt hätte, wenn das noch meine alte Großmutter erlebt hätte!«

»Das könnte ich auch,« sagte Jan Höfkens, »aber das täte ich nich,« und diese Auslassung hatte sicherlich einen Sturm der Entrüstung bei dem vorherigen Sprecher gezeitigt, wäre sie nicht in dem lauten Gläserklingen untergegangen, an dem sich auch der biedere Gastwirt Dores Küppers in mannhafter Weise beteiligte.

»Na, denn also?« fragte mich der lateinische Heinrich, als das Klingen verhallte, und die Gläser wieder auf dem Tisch paradierten; dann sah er mich an.

»Je, was soll ich sagen,« entgegnete ich nach einiger Weile. »Pittje hat mich gerufen.«

»Wer?« riefen alle.

»Pittje Pittjewitt.«

»D–e–r?« erstaunte sich der doktorliche Zeitungsschreiber, wobei er das Wort wie ein Gummistrumpfband in die Länge dehnte, als sollte es um die stramme Wade einer handfesten Köchin gelegt werden. » Circumstantiae variant res! – Na, ja – das ist denn doch auch eine andere Sache. – Aber warum denn?«

»Ja, wenn ich das wüßte, nur ahnte! – Auch die leiseste Andeutung fehlt mir, und wie ich auch gesucht und gegrübelt habe auf meiner Reise nach hier – ich tappe im Blauen herum und weiß nur, daß eine gewisse Kathje Peerenboom tot ist.«

»Peerenboom?! – Kathje Peerenboom?! – Kenne ich nicht,« versetzte der lateinische Heinrich.

»Mit einem Bruder von ihr«, erzählte ich weiter, »bin ich soeben im Postwagen angekommen. Er scheint ein geistliches Amt hier in der Nähe innezuhaben.«

»Stimmt,« mischte sich jetzt Dores Küppers dazwischen, dessen stattliche Nase im Laufe der Jahre etwas Karfunkelsteinartiges angenommen hatte. »Stimmt; Nikodem Peerenboom ist der Bruder von Kathje, war früher Kaplan in Marienbaum und bekleidet jetzt das Amt eines Pfarrers in Bedburg.«

»So, so!« machte der lateinische Heinrich.

»Und Kathje?« fragte ich weiter.

»Kam vor einigen Wochen hier an,« erläuterte Dores Küppers, »nachdem sie fast seit Menschengedenken heimlich auf und davon ging. Ich habe sie noch als junges Ding gekannt. Die verkörperte Schönheit: haselnußbraun, schwank wie ‘ne Weidengerte und dabei drall und prall wie ‘n Pfirsich, der soeben frisch vom Spalier kommt. Na, und das Mündchen …! – Nicht größer wie ‘ne Gartenmorelle.«

Dores war ein Kenner weiblicher Reize, und wenn er sie schilderte, dann spitzte er jedesmal seine Lippen sehnsüchtig unter dem Nasenmeteor, brachte Daumen und Zeigefinger in leise Berührung und spreizte die übrigen Finger selbstgefällig nach oben.

So tat er auch jetzt. Dann setzte er ein tiefbekümmertes Gesicht auf, strich sich über die eingeschmalzte Perücke und klagte: »Nun ist alles dahin, meine Herren! – Tot – gestorben im Hospital – wird morgen begraben. Das Leben – das Leben …!«

Mit einem kräftigen Schluck Rotwein suchte er den aufsteigenden Schmerz in die gehörigen Schranken zu weisen.

»Und dazu wirst Du herberufen?« wandte sich der Lateiner an mich. »Das ist ja eine ganz mysteriöse Geschichte!«

»Un was hätte Herr Pittje mit der Sache zu tun?« wagte nun seinerseits Jan Höfkens schüchtern einzuwerfen.

Dores zuckte die Achseln.

»Man weiß nichts Bestimmtes. Es ist alles so verworren und seltsam. Hier wird geredet, da wird geredet, man munkelt und tut so – aber alles ist dunkel geblieben, und mit der Zeit ist dann so ‘ne faustdicke Grasnarbe über die ganze Geschichte gewachsen. Kurz, man weiß nichts Gewisses und erinnert sich nur, daß die beiden einmal versprochen gewesen, daß er mit einem fremden Maler aneinander geraten … und dann« – und wieder fuhr Dores mit der Hand über die eingeschmalzte Perücke – »man will doch Herrn Pittje Pittjewitt nicht zu nahe treten. Der Mann ist reell, hat seine Verdienste, opfert sich auf für das Wohl der Gemeinde, gibt mit der Rechten, wovon die Linke nichts weiß – und dann überhaupt: man soll ruhen lassen, was scheinbar nicht an die Öffentlichkeit will, und schließlich ist vielleicht auch kaum des Nennenswerten an der ganzen Affäre.«

»Meine ich nicht,« orakelte der lateinische Heinrich mit geheimnisvollem Augenzwinkern. »Etwas Mysteriöses läuft mit unter, ist mit der ganzen Sache verflochten, bleibt ein integrierender Faktor derselben und, mag Dores Küppers tun wie er will, ich lasse mir meine Meinung nicht fortdisputieren. Etwas Mysteriöses liegt vor. Ein magnetischer, körperlicher oder seelischer Rapport zwischen Pittje und der nunmehr verewigten Kathie Peerenboom dürfte nach allen Normen des menschlichen Denkens und Fühlens noch bis vor kurzem als bestehend zu erachten sein; denn warum sonst die plötzliche Ankunft der geheimnisvollen Person, ihr baldiges Ableben, das kurze, aber vielsagende Telegramm, der geistliche Herr in der Postkutsche, das kometenartige Auftreten Jupps – alles Dinge und Begebenheiten, die zu denken geben und wahrscheinlich mit unsichtbaren Fühlern und Drähten längst vergangene Zeiten berühren.«

»Ich täte dasselbe glauben,« sagte Jan Höfkens.

»Danke,« lächelte der lateinische Heinrich und seine Blicke huschten spöttisch über das todgute und ernste Gesicht seines Freundes. »Aber wie dem auch sei: post nubila Phoebus! Über kurz oder lang werden die Schleier gelüftet, denn Jupp ist hier in einer, wenn auch von ihm noch nicht gekannten Mission – und deshalb, wenn alle sonstigen Zeichen nicht irreführen und trügen, dürften demnächst Aufklärungen von höchst einschneidender Natur erfolgen, die uns das Bild und das Seelenleben unseres verehrten Herrn Pittjewitt in einer neuen, intensiveren Beleuchtung näherrücken. Aus diesem Grunde« – und mit einer gewissen Feier und Förmlichkeit äugelte er nach dem Rotspon, ergriff das Glas und sagte:

»Ja – aus diesem Grunde, des edlen Pittjes gedenkend, Wende ich mich zuerst an Dich, mein lieber Johannes, Der Du das sommersprossige Antlitz mitsamt Deinem Flachshaar Durch die Jahre hindurch mit stoischem Gleichmut getragen, Stoischen Gleichmuts bis jetzt mit jedem Fremdwort im Kriege lagst, Wende ich mich an Dich, Franz Dewers, der Du, wie einstmals Ikarus es getan, hoch zwischen Erde und Himmel Schwebst in steter Gefahr, mit Schiefer den Turmhelm zu kleiden, Wende ich mich an Dich, Herr Küppers, trefflicher Schankwirt – Ha! – wie soll ich Dich nennen, wie Dich bezeichnen anjetzo?! – Stille, ich hab’s: Du kommst mir vor wie der göttliche Sauhirt! – Wende mich daher an Dich, Du göttlicher Sauhirt Enmäos, Der Du uns gelabt mit köstlichem Naß aus der Flasche, Wie Eumäos es tat dem großen Dulder Odysseus, Der viel Meere durchschifft und erst nach länglicher Irrfahrt Springen könnt’ in das Bett, wo Penelope seiner harrte, Wende mich jetzo an Dich, poeta, der leider so oft Du Wurdest geschmäht und gehetzt vom Frankfurter Schreiber Thersites, Wende mich schließlich an mich und gebe den nötigen Ruck mir: An die Gewehre, die Gläser gefaßt, und – Pittje soll leben! Hoch, und abermals hoch und abermals – Pittje soll leben!«

Der Lateiner hatte rührend gesprochen – aber wie klappte der fünfstimmige Tusch auch! – Wie aus der Pistole geschossen klang das »Hoch!« durch die Stube, und der Kanonenofen puffte und knallte dazu, als gelte es, Salut auf Königs Geburtstag zu bollern.

Jetzt aber war’s alle mit Franz Dewers. Die Freude und Begeisterung brachten ihn um. Er mußte sich Luft machen, und trotz der noch anwesenden Stammgäste schlug der Kerl fünf tadellose Purzelbäume wie in seinen besten Jugendjahren hintereinander, bei welchem Bravourstück sein allmächtiger Hosenboden kapriolte und schwappte, als hätten in demselben zwei stattliche Hasen, Rammler und Häsin, Frühlingsgefühle bekommen.

»Jetzo genug,« sagte der Lateiner und verfiel wieder in seine klangvolle Hexameterwut:

»Jetzo genug! – Schon mahnt vom Turm die brummende Glocke Dumpfen Schlages, für uns die Mitternachtsstunde zu künden. Jetzo zu Bett und vertrauet Euch alle Morpheus’ Umarmung, Daß nicht bei lautem Lärm und Gezech und uns allen zur Unehr’ Noch die dämmernde Eos mit Rosenfingern emporsteigt. Morgen ist auch ein Tag. – Gute Nacht – und schlafet in Frieden!«

»Gute Nacht – gute Nacht!« klang es ihm von allen Seiten entgegen.

Dann trennten wir uns.

Alsbald war es still, mäuschenstill, in der Dores Küppersschen Wirtschaft.

Nur ab und zu tutete das Nachtwächterhorn wie aus weiter Ferne in meine Traumwelt hinein; nur ab und zu ein Rascheln hinter den vergilbten Tapeten, ein Trippeln und Piepsen – aber es störte nicht weiter: ich träumte von Pittje Pittjewitt und Kathje Peerenboom. Ich schlief bis weit in den frostigen, klingenden Wintermorgen hinein. Als ich aufwachte, knisterten bereits die Buchenscheite im Ofen; die Eisblumen, die wie Brabanter Klöppelwerk an den Scheiben hafteten, begannen infolgedessen aufzutauen und sanft zu zerfließen, und als ich beim Ankleiden hinaussah, da lachte so ein recht behaglicher, kalter, sonniger Wintermorgen über Marktplatz und Giebeldächer, die alle weiße Nachtmützen trugen und mit einem fast großväterlichen Wohlwollen auf das kleinstädtische Leben herabsahen, das aus einigen schnellfüßigen Bäckerjungen, der Zeitungsfrau und etlichen Spatzen bestand, von denen die letzteren nicht müde wurden, sich um ein Roßäpfelhäuflein zu balgen, das sich lediglich als ein Überbleibsel des gestern abend angekommenen Postzuges ausweisen konnte. Das war zurzeit das einzige Leben im Zwing und Bann des weltvergessenen niederrheinischen Winkels.

In den Schaufenstern des gegenüberliegenden Bäckerladens paradierten großmächtige Spekulatiusmänner, Kalkarer Janhagel und Aachener Printen, die, mit Fichtenzweigen besteckt, an die nicht mehr ferne Zeit der heiligen Weihnacht gemahnten. Wie oft hatte ich als Junge mit meinen Kumpanen vor diesem Laden gestanden, hatte nach den Mandeln und Kardamomen die Finger geschleckt und mich dabei umschauern lassen von dem Zauber der kommenden Tage, der ahnungsvoll heraufdämmerte und von dem süß geheimnisvollen Zirpen der Heimchen, von dem harzig duftenden Wunderbäumchen mit den brennenden Lichtern und dem stillen Walten der heiligen drei Könige aus Mohrenland erzählte. – Auch heute beschlich mich dieses Gefühl, auch jetzt kehrte mir die Jugendzeit lebhaft zurück, auch heute mußte ich an Vater und Mutter denken, die nicht mehr sind, an die kleine Schwester, die da draußen auf dem Friedhof der kleinen Stadt begraben liegt und an so viele, die den Weihnachtsbaum umstanden hatten in den Tagen der Kindheit.

Es war spät am Morgen geworden, und die dämmernde Eos, von der der lateinische Heinrich gestern abend so schön gesagt und gesungen, winkte schon längst mit ihren Rosenfingern vom Himmel, als ich nach einem mit Dores Küppers gemeinschaftlich eingenommenen Frühstück auf den Marktplatz hinaustrat, um mich von hier aus auf den Weg zu Pittje zu machen.

Na – ich ging denn, begrüßte im Weitergehen die alte, überzuckerte Linde und das Standbild des Generals Seydlitz, dessen aufgekrempter Reiterhut sich über Nacht mit den feinsten Dunenfedern geschmückt hatte – und wie ich so ging und mich schon in Gedanken auf das Wiedersehen mit Pittje freute, da begann plötzlich in langen und dumpfen Schlägen die Totenglocke zu läuten.

»Sollte Kathje Peerenboom etwa schon jetzt…«

Ich vermochte den Gedanken nicht weiter auszuspinnen, denn fast gleichzeitig mit dem Auftauchen desselben bewegte sich ein kleiner Trauerzug um die Rathausecke dem Markt zu. Er kam von der Grabenstraße, auf der das Hospital der barmherzigen Schwestern gelegen. Das dumpfe Glockengeläut mit ihren scharfen Responsorien übertönend, schritten Kaplan, Küster, Meßjungen und Kreuzträger dem schlichten, mit blinkenden Zinnornamenten verzierten Sarge voraus, der, von sechs etwas fragwürdigen, aber ganz in Schwarz gekleideten Männern getragen, hoch über die blendendweiße Schneedecke heranschwankte.

Unter dem üblichen monotonen Gesang kam der Zug näher und näher. Einige Leute, Männer und Frauen, traten neugierig aus den Häusern, um den sehr einfachen Trauerpomp auf sich wirken und vorüberziehen zu lassen.

»Oremus…!«

Jetzt wurde die große Linde passiert, und der Zug schickte sich an, mehr nach links einzubiegen, als ich des ersten Leidtragenden ansichtig wurde. Es war der geistliche Herr von gestern abend im Postwagen. Keine Bewegung zeigte sich in seinem Gesicht. Es war ruhig und kalt wie Buttermilch, die auf einer Schale mit Eis steht. Hinter ihm folgte die lange Kanders, die Lichtjungfer, im schwarzen Kleid von Merinowolle; sie kam mit einigen Frauen und Männern, deren Namen mir im Laufe der Zeit entfallen waren, und dann – ganz zuletzt, ganz allein und mit gesenktem Kopf: Pittje Pittjewitt.

»Pittje, mein Pittje…!«

Ich hätte aufschreien mögen.

Vornübergebeugt, im braunen Gehrock, den sich zuckerhutartig verjüngenden Zylinder mit einem großen Trauerflor umwunden, den Rotbaumwollenen unterm linken Arm tragend und die beiden Hände gefaltet, so schritt Pittje ganz zuletzt im Leichengefolge und schien die Schneestapfen zu zählen, die vor ihm auftauchten.

Jetzt wandte er sich.

Gott! – wie hatte sich der Mann im Laufe eines Jahres geändert. Er war kleiner geworden, in sich zusammengeschrumpft, verhutzelt, verkümmert – und dennoch: das waren die lieben Züge, dieselben wasserhellen und gutmütigen Augen wie früher.

»Pittje…!«

Ich hatte leise gerufen; dann war ich an seine Seite getreten. Schweigend drückte ich ih