

Das Christkind
Die Nacht vor dem Heiligen Abend,
da liegen die Kinder im Traum;
sie träumen von schönen Sachen
und von dem Weihnachtsbaum.Und während sie schlafen und träumen,
wird es am Himmel klar,
und durch den Himmel fliegen
drei Engel wunderbar.Sie tragen ein holdes Kindlein,
das ist der Heilige Christ;
es ist so fromm und freundlich,
wie keins auf Erden ist.
Und wie es durch den Himmel
still über die Häuser fliegt,
schaut es in jedes Bettchen,
wo nur ein Kindlein liegt.
Und freut sich über alle,
die fromm und freundlich sind;
denn solche liebt von Herzen
das liebe Himmelskind.
Wird sie auch reich bedenken
mit Lust aufs allerbest’
und wird sie schön beschenken
zum lieben Weihnachtsfest.
Heut schlafen noch die Kinder
und sehn es nur im Traum,
doch morgen tanzen und springen
sie um den Weihnachtsbaum.


Pittje Pittjewitt
»Kathje Peerenboom ist tot. – Komme.«
Ich wußte nicht, wo ich diesen Namen hintun sollte. Irgendwo im Leben war er mir schon begegnet, allein das ›Wie‹ und ›Wo‹ blieb mir verschleiert; ich konnte mir keine Rechenschaft darüber geben und würde der Depesche, die mir nach Utrecht, wo ich mich eines neuen Romanstoffes halber für einige Wochen aufhielt, nachgeschickt wurde, keine weitere Bedeutung beigelegt haben, hätte nicht unter der lakonischen Drahtnachricht ein Name gestanden, der mir von jeher lieb und teuer gewesen.
Noch einmal las ich: »Kathje Peerenboom ist tot. – Komme. – Pittje Pittjewitt.«
Mein Buch beginnt mit Trauer und endet mit Trauer. Es ist ernst und zum großen Teil mit tiefer Wehmut geschrieben – und dennoch: es ist zuweilen, als wenn sich das Bahrtuch leise bewegte, als wenn sich ein launiges Gesicht aus den Falten vordrängte, das Näschen rümpfte, die Lippen schalkhaft verzöge und spräche: »Hier bin ich! – Jantje Klaas, Jantje Klans!« –
»Komme…!«
Der Name Pittje Pittjewitts entschied; ich machte mich reisefertig. – Gegen drei Uhr stampfte und polterte der Zug von Utrecht durch die verschneite Veluwe. Ich hatte meine Zigarre in Brand gesetzt und sah in die Landschaft hinaus, die verschleiert und mißfarben endlos sich dehnte. Feine Schneeflocken rieselten gegen die Wagenfenster, die Telegraphendrähte hoben und senkten sich, glühe Fünkchen sausten vorüber, und vereinzelte Krähen zogen hoch über das Schneefeld und strebten dem fernen Westen zu, der allmählich eine dunstige und ziegelrote Färbung annahm.
Prustend, pfeifend, keuchend und polternd ging es weiter und weiter. Draußen zogen tiefe Schatten über die Landschaft. Wie in Kobaltbläue getaucht, traten niedrige Giebel, vereinzelte Liegenschaften und Windmühlen in die Erscheinung, um wieder rasch zu verschwinden.
Ich hatte mich in die Wagenpolster gedrückt und sah den Rauchbildern nach, die den matten Schein des Abteillichtes noch matter gestalteten. Mir ging mancherlei durch den Kopf. Allerhand Kombinationen verflocht ich mit dem geheimnisvollen Telegramm, das mir erst vor wenigen Stunden zugegangen war, ja – mir schien es, als wenn Pittje Pittjewitt lautlos hereinschwebte, mir gegenüber in feierlichster Weise Platz nähme und blaue Rauchwölkchen aus seiner Gaudaer Tonpfeife bliese, die sich mit den meinen vereinten. – Wirklich – da saß er; ein Schemen nur, aber er war es: der veritable Pittje. Derselbe altmodische Zylinder, nur mit einem breiten Trauerflor umgürtet, derselbe knallrote Paraplü, dasselbe glattrasierte Gesicht mit den blendendweißen Vatermördern, der braune Überrock, die großgemusterten Hosen und dasselbe nadelscharfe Spucken wie ehemals. Nur wollte es mir scheinen, als wenn ein elegischer Zug seine eingekniffenen Lippen umspiele: ein krankhaftes, wehmütiges Lächeln, das ich in früheren Tagen nicht bei ihm bemerkt hatte. Aber die großen, wasserhellen Augen, die mich traurig ansahen, die charakteristischen Kringel und Ringel, die dem Tonkopf entstiegen, waren noch immer dieselben. – Das alte Heimatsgefühl beschlich mich bei seinem Anblick in verstärkter Weise. Ich beugte mich vor, um die lieben, gerunzelten Hände zu fassen, als mich eine blendende Helle umfing, ein schrilles Pfeifen ertönte und der Zug langsam in eine geräumige Halle einkeuchte.
»Elten – Gepäckrevision!«
Laute des holländischen und niederrheinischen Idioms schlugen betäubend an mein Ohr, ein Hasten und Drängen … Die Waggontüren wurden aufgerissen und wieder zugeschmettert, ein Stampfen und Schrillen, und wieder ging es in die dunkle Nacht und in die verschneite Landschaft hinaus – aber mein Gegenüber war spurlos verschwunden.
Ich hüllte mich fester in den Mantel, gab mich stillen Träumereien hin und brütete weiter, bis der Zug über verschiedene tote Rheinarme rasselte und nach kurzer Fahrt Kleve erreichte.
»Aussteigen – alles aussteigen!«
Draußen wehte ein eisiger Nordost, und blendende Schneekristalle, die im dunstigen Licht der Gaslaternen auf und nieder flimmerten, flogen mich an. – Jenseits der Bahnstation kletterten die eingeschneiten Häuser der Stadt bis zum Schloßberg empor, dessen massiger Schwanenturm in verschwommenen Rissen düster und ernst von seiner Höhe heruntergespensterte.
Ich atmete heimatliche Luft und befand mich nicht weit von dem Fleckchen Erde, wo ich meine erste Jugend verlebte. Ach! – wie das wohl tat. – Nur die grimmige Kälte nagte bitter an Ohren und Nase, während die schneidenden Schneekristalle die Haut wie mit Nadelspitzen berührten. Kurz entschlossen zog ich den Mantelkragen bis über den Hut empor und trat mit meinem geringen Reisegepäck vom Bahnsteig ins Freie. Der irrlichtartige Schein von zwei Laternen kam mir entgegen. Er rührte von einer schwerfälligen Postkutsche her, die mich in die engere Heimat befördern sollte. Der Schwager saß schon obenauf, als ich einstieg. Der Wagen war nur spärlich erleuchtet, so daß ich außerstande war, das Gesicht der hageren Gestalt deutlich zu erkennen, die sich mit zusammengefalteten Händen in eine Ecke gedrückt hatte. Erst als der Postschaffner kam, mir die Fahrkarte einhändigte, und der grelle Schein der Schaffnerlaterne eine fast Tageshelle schaffte, konnte ich meinen Mitpassagier in die Kategorie der katholischen Geistlichen versetzen, der, mit einem niedrigen Hut, soutanenartigen Überrock, Kniehosen und Schnallenschuhen bekleidet, stetig die schmalen Lippen bewegte und sichtlich damit beschäftigt war, sein Brevier mit kaum wahrnehmbarer Stimme herunterzunäseln. Er hatte die Augen geschlossen und schien die Mitte der Sechziger schon überschritten zu haben.
»Fertig!«
Ein lautes Schnalzen mit der Zunge ertönte vom Bock. Die Postklepper zogen an, und, von dem trüben Schein der Wagenlaternen auf beiden Seiten begleitet, ging es über die breite Landstraße in die niederrheinische Gegend hinein. Von Adventschauern umgeben, mit meinen Gedanken in die Jugendzeit versetzt, verfiel ich allmählich in einen traumhaften Zustand, der so fest war, daß er auch durch das Klappern des Wagens und das oft heftige Stoßen der Räder nicht aufgelöst wurde. Nur zuweilen hoben sich zwinkernd die Augenlider. Der geistliche Herr hockte noch immer in seiner Ecke, steif und regungslos, und ich hätte ihn für eine Wachspuppe halten können, wäre nicht das stetige, monotone Näseln bei ihm hörbar gewesen.
So mochten wir eine Stunde gefahren sein, als ich in meiner traumhaften Verfassung eine weiße Gestalt zu sehen glaubte, die mir in eigentümlicher Haltung gegenüber saß.
Richtig – da saß sie, traurig, totenstill und gespenstisch. Eine blendendweiße Nachtmütze, an deren Zipfel sich eine gefranste Leinentroddel befand, war ihr bis über die Ohren gezogen. Bläuliche Schatten hafteten auf den Fingernägeln der zusammengefalteten Hände. Das Gesicht hatte ein porzellanartiges Aussehen, und die Nase ähnelte dem Schein von Diaphanglas. Rechts und links von dem einsamen, mit weißem Leinen bekleideten Manne erhoben sich zwei Wachskerzen auf gelben Metalleuchtern, die gleichsam in der Luft zu schweben schienen. Deutlich hörte ich das Geräusch des auf die Messingschalen niedertropfenden Wachses. Und die Gestalt, die da so still und regungslos, so traurig und doch so friedlich mir gegenüber Platz genommen hatte … das totenbleiche Gesicht … die brennenden Wachskerzen … Eine quälende Angst ergriff mich. Der traumartige Zustand löste sich auf.
Sollte das ein Vorgesicht sein?!
»Pittje Pittjewitt …!«
Ich mußte deutlich gesprochen, wenn nicht gerufen haben, denn der geistliche Herr in der Ecke räusperte sich, sah mich fragend an und meinte zuletzt: »Ich glaubte soeben von Ihnen einen Namen zu hören, nun der – sagen wir: kennen Sie den Träger desselben?«
Die Art und Weise, wie dies vorgebracht wurde, das Breite der Sprache und die Klangfärbung in der Betonung bewiesen deutlich, daß der Fragesteller dem Niederrhein entstammte.
»Schon seit Jahren, mein Herr.«
»So! – dann sind Sie der hiesigen Gegend auch wohl selber nicht fremd?«
»Nein. – Ich habe hier meine Jugendjahre verlebt.«
»Hm!« sagte der geistliche Herr, »und Sie reisen nach dort?«
Dabei zeigte er mit dem Daumen über die Schulter und nannte gleichzeitig den Namen der kleinen Stadt, der wir nun schon seit einer Stunde entgegenratterten.
»Allerdings.«
»Hm! – und Sie haben Geschäfte allda?«
»Das weniger. Ein Telegramm meines hochbetagten Freundes Pittje Pittjewitt … Und Sie?«
»Eine traurige Veranlassung führt mich dorthin. Ich will eine Schwester begraben.«
»Kathje …!« kam es unwillkürlich von meinen Lippen. »Kathje Peerenboom – ja. Sie wissen?«
»Pittje Pittjewitt …«
»Ach, der!« fiel der geistliche Herr naserümpfend dazwischen. »Was kann aus seinem Munde Heilsames kommen?!«
»Ich muß mir ernstlich …«
»Schon gut,« sagte mein Partner, zog ein Taschentuch aus seiner Soutane und trompetete in den höchsten Tönen in den buntfarbigen Schirting.
»Ihr Urteil befremdet mich,« begann ich von neuem. »Ich halte Herrn Pittjewitt für einen Ehrenmann vom Kopf bis zur Sohle – und kann es nicht dulden …«
»Schon möglich,« lenkte der geistliche Herr ein, »wenn Sie diese Fülle des Lobes auf seine bürgerlichen Eigenschaften beziehen; allein« – und seine breite Stimme nahm eine scharfe Betonung an – »seine Antezedentien auf kirchlichem Gebiet, sagen wir seine religiösen Anschauungen, stehen auf tönernen Füßen und werden von uns in höchst geringer Weise bewertet. Leider – wir können nicht anders.«
»Das mögen Sie halten, wie es Ihnen beliebt. Was mich persönlich anbetrifft,« fuhr ich in gereizter Stimmung fort, »so stehe ich nicht an, mein obiges Urteil völlig und ohne Einschränkung aufrecht zu erhalten. Ehrlich hat er sich durchs Leben geschlagen, ehrlich hat er gekämpft und gerungen und ehrlich, geachtet von seinen Mitmenschen, wird er dereinst liegen, wenn ihm das letzte Hemd über die Nase gereckt wird. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, und alle, die ihm näher standen und stehen im Leben – ich bin überzeugt – sie tun dasselbe.«
»Viel des Lobes,« entgegnete mein Mitreisender. »Hm! – ich möchte fast glauben …«
»Nun?«
Der geistliche Herr rückte näher, fixierte mich lange, dann fragte er mit verhaltener Stimme, indem ein sondierendes Lächeln seine markanten Züge belebte: »Kennen Sie den Roman ›Kärrekiek‹?«
»Allerdings.«
»Und das neuerdings vielfach aufgeführte Drama ›Der Heerohme‹?«
»Auch das.«
»Hm, hm! – So, so!« machte der geistliche Fragesteller. »In diesen Werken wird allerdings Ihrem Freunde die Verhimmelungsfanfare in allen nur möglichen Tonarten geblasen; aber auch hervorragende Kapazitäten auf dem Gebiete der katholischen Journalistik haben dieserhalb dem verdammenswerten Autor ein heroisches ›Quos ego!‹ entgegen gerufen.«
»Das ist mir bekannt.«
»Niedergeschmettert haben sie ihn. – Mit attischem Salz haben sie ihn über und über begossen.«
»Und das glauben Sie selbst? – Machen Sie doch keine Faxen und Fisematenten.«
»Ich? – Natürlich! – Da standen diese selbstlosen Männer, diese Geisteshelden der Provinzialen Volkszeitung, der Alemannia und des Sankt Bonifaziusblattes und vertobakten ihn, daß man’s knallen hörte, wo christkatholische Menschen ihren Herrgott verehren. Geschah ihm recht – diesem… Ja, diese Männer, diese streitbaren Helden der Feder … !«
»Auguren!«
»Was?«
»Auguren, mein Herr. – Die tun man so, die kennen den Rummel. – Mache, Parteiinteresse, Verdummungsprinzip…! – Aber wenn sie allein sind, unter sich sind, huida! – dann blinzeln sie und gerieren sich, wie die Karnickel unter Gottes freier Himmelslaterne.«
»Sie wollen doch nicht etwa sagen…?«
»Ich sage nichts. – Seien sie unbesorgt, mein Herr. Der vertobakte Poet kennt sich aus und weiß diese würdigen Männer zu schätzen. Auguren!«
»Aber – erlauben Sie mal! – Selbst hochkonservative Blätter…«
»Na – ja! – Ich brauche Sie Wohl nicht an den alten Vers zu erinnern, der da lautet:
So Junker wie Pfäfflein, sie fischen im trüben,
Und allzeit die nämliche Praktik sie üben.
Kommt der Junker in Not, springt das Pfäfflein heran,
So vics versa – der Edelmann.«
»Aber, mein Herr…!«
»Nun?«
»Ich möchte fast glauben – ich möchte fast annehmen, daß Sie…«
»Was denn?«
»Daß Sie der Verfasser…«
»Ich?« »Ja.«
»Stimmt.«
»Dann allerdings – da muß ich leider bedauern…«
»Gut – so ist uns beiden geholfen.«
Wie von der Tarantel berührt, kapriolte der geistliche Herr in den äußersten Winkel der Postkutsche hinein, duckte sich da und begann wieder in wehmütigen Nasallauten das monotone Brevier gegen die beschlagenen Scheiben des Wagens zu beten.
»Ratter…! – Ratter…!«
Trotz des gefallenen Schnees stuckerten die Räder über das holperige Pflaster mit lautem Getön in die kleine niederrheinische Stadt ein. Rechts und links kamen Öllaternen in Sicht. Die Läden waren bereits geschlossen, die Blenden vorgelegt; nur hier und da ein spärliches Lämpchen, das nachdenklich sein kümmerliches Dasein am Docht fristete. Sonst war alles tot und still auf den vereinsamten Straßen.
Mit einer scharfen Wende bogen wir auf den stattlichen Markt ein und hielten am Posthaus. Da lagen sie und träumten im Schnee, die guten, alten Bekannten: das Standbild des Reitergenerals Seydlitz, das Rathaus und die ehrwürdige Linde – und weiter zur Rechten die Wirtschaft von Dores Küppers mit erleuchteten Fenstern.
Der Wagenschlag wurde aufgerissen.
»’ne kalte Nacht,« sagte der Schaffner.
»Sehr kalt.«
»Wohin mit dem Gepäck, Herr?«
Eine kurze Handbewegung verständigte ihn. »Wollen’s besorgen. – Gute Nacht, Herr.«
»Gute Nacht.«
Ich griff in die Tasche und drückte ihm mit spitzen Fingern die Hand.
»Danke.«
Der geistliche Herr war verschwunden.
»Für Pittje Pittjewitt ist’s heute abend doch zu spät,« meditierte ich, »also stehenden Fußes zu Dores.«
In diesem Augenblick hallte die neunte Abendstunde durch die Stille der Nacht hin.
Als ich bald darauf das Gastzimmer von Dores Küppers betrat, schlug mir ein Pfeifenrauch, ein qualmiger Tabakshecht entgegen, so kompakt und auserwählt, daß man ihn mit einem scharfen Messer wie einen Limburger Käse hätte zerlegen können. Die Herren an den verschiedenen Stammtischen waren kaum zu erkennen. Die allmächtige Schirmlampe, die von der verräucherten Decke herabhing, hatte in diesem Dunst einen trüben Lichthof um sich gezogen, und der eiserne Kanonenofen, der in der Nähe des Schanktisches puffte und fauchte und glühe Partikelchen mit heiserem Knistern in den Aschenkasten versenkte, war nicht imstande, seine hochroten Backen richtig zur Geltung zu bringen. Bevor ich mich an das Qualmige und Nebelhafte des Wirtszimmers gewöhnt hatte, mochte eine geraume Spanne verflossen sein. Die Augen tränten mir. Ich stand ratlos, als plötzlich eine helle Stimme ertönte, die von einem rückwärts gelegenen Tisch herkam.
»Kärrekiek!«
»Kreuzkuckuck noch mal – wer rief da?« Und wieder derselbe Lockruf, aber lauter und mit hellem Gelächter gemischt: »Kärrekiek! – Kärrekiek!« – dem ein jubelndes »Tag, Jupp!« folgte.
Ich war näher getreten, und richtig – da saßen sie, die lieben Kumpane aus verklungener Jugendzeit: Franz Dewers, der Dachdeckermeister, und Jan Höfkens, der Mühlenbesitzer vorm Kesseltor.
Herr Jeses – war das eine Freude!
»Darf ich ‘ran hier?«
»Das könntest Du,« sagte Jan Höfkens und rückte mir einen bequemen Ledersessel zurecht.
»’ne Bouteille mit Rotspon!« ließ ich meine Stimme vernehmen.
»Fein!« machte Franz Dewers und schnüffelte wieder wie in früheren Tagen.
»Auch der Lateiner wäre hier,« fiel Jan Höfkens dazwischen. »Er täte bei seiner Mutter den heiligen Christ verleben. Er wollte nur das Wetter draußen besehn un käme gleich wieder.«
»Auch der?!« rief ich freudig. »Angestoßen, Ihr alle sollt leben!«
»Pröstchen …!«
Der Rote machte die Augen und die Herzen lebendig – als die Türe aufging und der lateinische Heinrich in seiner ganzen früheren Würde und Herrlichkeit das Zimmer betrat. Noch immer dasselbe Pathetische in seinem äußeren Menschen, noch immer die zu kurzen Hosen und lachsfarbigen, baumwollenen Strümpfe, noch immer derselbe wehleidige Augenniederschlag und das Unstete im Bewegen der Arme … alles wie früher! – nur die giftigen, schweinfurtergrünen Plüschpantoffeln fehlten, und auch der innere Mensch hatte sich im Laufe der Jahre völlig gewandelt. Aus dem frömmelnden Jungen von damals war ein Mann geworden, der an einer der bedeutendsten Zeitungen des Westens eine führende Stellung innehatte und eine Feder handhabte, die, wenn sie ansetzte, alle Düsterer und Dunkelmänner in die äußersten Winkel verscheuchte.
»Jupp wäre angekommen!« schrie ihm der sommersprossige Semmelfuchs Jan Höfkens entgegen.
»Favete linguis!« sagte der lateinische Heinrich und machte dabei dieselbe unnachahmliche Handbewegung wie früher.
Ich war nahe daran, und zwar infolge eines plötzlich aufgetretenen Lachkitzels, das soeben genossene Schlückchen Rotwein über die blankgescheuerte Platte des Tisches zu prusten, als der Lateiner gravitätisch auf mich zukam, die Arme breitete und in die salbungsvollen Worte ausbrach: »Habemus Josephum!«
Da war’s alle mit mir.
Ich lag an der Brust des braven Gesellen, und die Tränen wollten mir kommen; dann klangen die Gläser zusammen.
»Dein Roman ›Kärrekiek‹ soll leben, der uns alle verewigt!« sagte der lateinische Heinrich.
»Bravo!« schnüffelte Franz.
»Ich täte mich anschließen,« ergänzte Jan Höfkens, wobei er den Rotspon hinter die etwas verstäubte Müllerjacke hinabgoß.
Wir setzten uns. »Also der Roman gefällt Euch?« fragte ich nach einiger Weile.
»Gefällt uns!« kam es unisono zurück.
»Und Ihr seid mit den Rollen zufrieden, die Euch in demselben zugeteilt wurden?«
»Sind wir!«
Franz Dewers und der lateinische Heinrich hatten gesprochen, während der Sommersprossige stocksteif ins Glas sah.
»Na – und Du, lieber Johannes?«
»Ich wäre es nich,« muffelte der Gefragte, wobei sein Gesicht ein patziges Aussehen bekam. »Nein – ich wäre es nich.«
»Schweige, Johannes,« trumpfte der Lateiner auf und klappte die Augendeckel herab. »Du bist bereits an den Deponentien gescheitert, vom accusativus cum infinitivo gar nicht zu reden. Was versteht der Bulle vom Flageolettspiel? und darum: im Kreise gebildeter Männer Hast Du über derlei Fragen zu schweigen.«
»Das könnte ich wohl, aber das täte ich nich,« eiferte Jan, »denn die Sache wäre mir zu schanierlich gewesen.«
»Wie so denn, lieber Johannes?« fragte der lateinische Heinrich, indem er ihm die Hand salbungsvoll und mit einem tiefen Seufzer auf die Schulter legte.
»Weil ich hierdurch Malör gehabt hätte,« erwiderte Jan, »denn als ich vors Jahr an Minken Umbach sagte, ob sie heiraten täte, da fragte sie: Ihnen? – un als ich denn nickte, da meinte sie mit so ‘nem grieflichen Lachen: das wäre eine große Ehre for mir. – Ich könnte es Wohl, aber ich täte es nich… Un nu säße ich da.« Ein wieherndes Gelächter hallte in diesem Augenblick durch die Dores Küpperssche Gastwirtschaft.
»Tristissime!« bedauerte der Lateiner, aber es wäre dennoch zu einem Bruch der Freundschaft gekommen, hätte sich der Sprecher nicht in allen nur möglichen heilsamen und einlenkenden Trostworten ergangen, wäre sein Mienenspiel nicht ein reelles gewesen und hätte er nicht, wobei er mit einer drastischen Pose auf den ahnungslosen Franz Dewers deutete, die denkwürdigen Worte zitiert: »Solamen miseris socios habuisse malorum!«
Der Semmelfuchs sah ihn fragend und mit aufgerissenen Augen an.
»Das könnte ich nich verstehen,« sagte er kleinlaut.
»Weiß ich – und habe es schon immer gewußt, allein ich kann doch nicht dafür regreßpflichtig gemacht werden, daß Du, mein lieber Johannes, des Lateinischen unkundig bist?! Aber rücksichtlich des vorliegenden Falles und aus aufrichtiger Neigung zu Dir soll Dir die genügende Aufklärung werden.«
Wiederum deutete er auf den braven Dachdeckermeister, dessen Nase sich schnüffelnd in das Burgunderrot des vor ihm stehenden Kelchglases versenkt hatte.
Mit lauter Stimme und sich auf hohem Kothurn wähnend, begann er:
»Allzeit tröstlich im Leben, tröstlich bei jeder Misere Ist es, einen Genossen, einen Bruder zu haben im Unglück; Darum, mein lieber Johannes, wende die Blicke auf diesen, Siehe Franz Dewers Dir an, der in derselben Affäre Gerade wie Du vor Zeit neben den Fettkump gegriffen Und das Bräutchen verpaßte, wie der eifrige Jäger das Rebhuhn, Als er im Eifer der Jagd vergaß die Hähne zu ziehen. Aber was fruchtet’s? – Dahin ist dahin! – und darum, Ihr Freunde, Angestoßen, geklingt, es lebe der gute Johannes, Der nun mahlt das Korn zu Mehl auf malmender Mühle, Es lebe Franziskus, der, als trefflicher Dachdeckermeister, Schlupft aus dem Schlupfloch hervor, den schlüpfrigen Schiefer zu festen. Angestoßen; die beiden – sie leben, es lebe die Freundschaft!«
Hei! – wie klangen die Gläser zusammen, und als eine zweite Flasche Langkork bestellt war, und wieder das tiefe Rot in den Kelchen stand, erhob sich der Lateiner noch einmal, warf einen vielsagenden Blick auf mich und meinte: »Jetzt zu Dir, mein Jupp, in Apoll uns ein werter Genosse. – Aber nicht, wie beim Volk der edlen Phäaken es üblich, Will ich Dich fragen, nicht wie das übliche Verslein es vorschreibt: Quis? Quid? Ubi? Quibus auxilis? Cur? Quomodo? Quando? – Fragen will ich Dich nur, warum bei fast schlafender Nachtzeit, Schneegestöber und Celsius minus dreizehn der Grade Du die Reise gemacht zu Deinen Jugendpenaten? Jetzt, wo die Spatzen im Nord erfroren fallen vom Giebel, Wo im Kanonenofen verpufft die schwärzliche Kohle, Und die Kälte im Zahn die bohrenden Geisterlein aufweckt. Ziemt es sich nicht landfahrend zu sein – ein schweifender Sänger. Dieses erwägend und staunend ob Deiner Hierherkunft Sei mir die Frage vergönnt, warum Du vom trefflichen Eh’weib, So da behaglich daheim das trauliche Nestlein behütet, Abschied genommen – kurzum: was ist der Zweck Deiner Reise? Siehe, ich stehe allhier – und wisse, ein Freund harrt auf Antwort, Also – ich habe gesprochen mit Nachdruck und setze mich wieder Auf den Dores Küppersschen Sessel und bringe Dein Wohl aus. Prosit, alter Geselle – sollst leben und alle die Deinen!«
Triumphierend sah sich der Lateiner um, als er diese Epopöe von sich gegeben.
»Bravo!« schrie Franz Dewers, und der Kerl hätte beinahe wie in früheren Tagen einen regulären Purzelbaum vor lauter Freude geschlagen; allein er bezwang sich, trommelte auf den Tisch und meinte: »Ne, die Poesie – die Poesie! – Wenn das noch meine Großmutter erlebt hätte, wenn das noch meine alte Großmutter erlebt hätte!«
»Das könnte ich auch,« sagte Jan Höfkens, »aber das täte ich nich,« und diese Auslassung hatte sicherlich einen Sturm der Entrüstung bei dem vorherigen Sprecher gezeitigt, wäre sie nicht in dem lauten Gläserklingen untergegangen, an dem sich auch der biedere Gastwirt Dores Küppers in mannhafter Weise beteiligte.
»Na, denn also?« fragte mich der lateinische Heinrich, als das Klingen verhallte, und die Gläser wieder auf dem Tisch paradierten; dann sah er mich an.
»Je, was soll ich sagen,« entgegnete ich nach einiger Weile. »Pittje hat mich gerufen.«
»Wer?« riefen alle.
»Pittje Pittjewitt.«
»D–e–r?« erstaunte sich der doktorliche Zeitungsschreiber, wobei er das Wort wie ein Gummistrumpfband in die Länge dehnte, als sollte es um die stramme Wade einer handfesten Köchin gelegt werden. » Circumstantiae variant res! – Na, ja – das ist denn doch auch eine andere Sache. – Aber warum denn?«
»Ja, wenn ich das wüßte, nur ahnte! – Auch die leiseste Andeutung fehlt mir, und wie ich auch gesucht und gegrübelt habe auf meiner Reise nach hier – ich tappe im Blauen herum und weiß nur, daß eine gewisse Kathje Peerenboom tot ist.«
»Peerenboom?! – Kathje Peerenboom?! – Kenne ich nicht,« versetzte der lateinische Heinrich.
»Mit einem Bruder von ihr«, erzählte ich weiter, »bin ich soeben im Postwagen angekommen. Er scheint ein geistliches Amt hier in der Nähe innezuhaben.«
»Stimmt,« mischte sich jetzt Dores Küppers dazwischen, dessen stattliche Nase im Laufe der Jahre etwas Karfunkelsteinartiges angenommen hatte. »Stimmt; Nikodem Peerenboom ist der Bruder von Kathje, war früher Kaplan in Marienbaum und bekleidet jetzt das Amt eines Pfarrers in Bedburg.«
»So, so!« machte der lateinische Heinrich.
»Und Kathje?« fragte ich weiter.
»Kam vor einigen Wochen hier an,« erläuterte Dores Küppers, »nachdem sie fast seit Menschengedenken heimlich auf und davon ging. Ich habe sie noch als junges Ding gekannt. Die verkörperte Schönheit: haselnußbraun, schwank wie ‘ne Weidengerte und dabei drall und prall wie ‘n Pfirsich, der soeben frisch vom Spalier kommt. Na, und das Mündchen …! – Nicht größer wie ‘ne Gartenmorelle.«
Dores war ein Kenner weiblicher Reize, und wenn er sie schilderte, dann spitzte er jedesmal seine Lippen sehnsüchtig unter dem Nasenmeteor, brachte Daumen und Zeigefinger in leise Berührung und spreizte die übrigen Finger selbstgefällig nach oben.
So tat er auch jetzt. Dann setzte er ein tiefbekümmertes Gesicht auf, strich sich über die eingeschmalzte Perücke und klagte: »Nun ist alles dahin, meine Herren! – Tot – gestorben im Hospital – wird morgen begraben. Das Leben – das Leben …!«
Mit einem kräftigen Schluck Rotwein suchte er den aufsteigenden Schmerz in die gehörigen Schranken zu weisen.
»Und dazu wirst Du herberufen?« wandte sich der Lateiner an mich. »Das ist ja eine ganz mysteriöse Geschichte!«
»Un was hätte Herr Pittje mit der Sache zu tun?« wagte nun seinerseits Jan Höfkens schüchtern einzuwerfen.
Dores zuckte die Achseln.
»Man weiß nichts Bestimmtes. Es ist alles so verworren und seltsam. Hier wird geredet, da wird geredet, man munkelt und tut so – aber alles ist dunkel geblieben, und mit der Zeit ist dann so ‘ne faustdicke Grasnarbe über die ganze Geschichte gewachsen. Kurz, man weiß nichts Gewisses und erinnert sich nur, daß die beiden einmal versprochen gewesen, daß er mit einem fremden Maler aneinander geraten … und dann« – und wieder fuhr Dores mit der Hand über die eingeschmalzte Perücke – »man will doch Herrn Pittje Pittjewitt nicht zu nahe treten. Der Mann ist reell, hat seine Verdienste, opfert sich auf für das Wohl der Gemeinde, gibt mit der Rechten, wovon die Linke nichts weiß – und dann überhaupt: man soll ruhen lassen, was scheinbar nicht an die Öffentlichkeit will, und schließlich ist vielleicht auch kaum des Nennenswerten an der ganzen Affäre.«
»Meine ich nicht,« orakelte der lateinische Heinrich mit geheimnisvollem Augenzwinkern. »Etwas Mysteriöses läuft mit unter, ist mit der ganzen Sache verflochten, bleibt ein integrierender Faktor derselben und, mag Dores Küppers tun wie er will, ich lasse mir meine Meinung nicht fortdisputieren. Etwas Mysteriöses liegt vor. Ein magnetischer, körperlicher oder seelischer Rapport zwischen Pittje und der nunmehr verewigten Kathie Peerenboom dürfte nach allen Normen des menschlichen Denkens und Fühlens noch bis vor kurzem als bestehend zu erachten sein; denn warum sonst die plötzliche Ankunft der geheimnisvollen Person, ihr baldiges Ableben, das kurze, aber vielsagende Telegramm, der geistliche Herr in der Postkutsche, das kometenartige Auftreten Jupps – alles Dinge und Begebenheiten, die zu denken geben und wahrscheinlich mit unsichtbaren Fühlern und Drähten längst vergangene Zeiten berühren.«
»Ich täte dasselbe glauben,« sagte Jan Höfkens.
»Danke,« lächelte der lateinische Heinrich und seine Blicke huschten spöttisch über das todgute und ernste Gesicht seines Freundes. »Aber wie dem auch sei: post nubila Phoebus! Über kurz oder lang werden die Schleier gelüftet, denn Jupp ist hier in einer, wenn auch von ihm noch nicht gekannten Mission – und deshalb, wenn alle sonstigen Zeichen nicht irreführen und trügen, dürften demnächst Aufklärungen von höchst einschneidender Natur erfolgen, die uns das Bild und das Seelenleben unseres verehrten Herrn Pittjewitt in einer neuen, intensiveren Beleuchtung näherrücken. Aus diesem Grunde« – und mit einer gewissen Feier und Förmlichkeit äugelte er nach dem Rotspon, ergriff das Glas und sagte:
»Ja – aus diesem Grunde, des edlen Pittjes gedenkend, Wende ich mich zuerst an Dich, mein lieber Johannes, Der Du das sommersprossige Antlitz mitsamt Deinem Flachshaar Durch die Jahre hindurch mit stoischem Gleichmut getragen, Stoischen Gleichmuts bis jetzt mit jedem Fremdwort im Kriege lagst, Wende ich mich an Dich, Franz Dewers, der Du, wie einstmals Ikarus es getan, hoch zwischen Erde und Himmel Schwebst in steter Gefahr, mit Schiefer den Turmhelm zu kleiden, Wende ich mich an Dich, Herr Küppers, trefflicher Schankwirt – Ha! – wie soll ich Dich nennen, wie Dich bezeichnen anjetzo?! – Stille, ich hab’s: Du kommst mir vor wie der göttliche Sauhirt! – Wende mich daher an Dich, Du göttlicher Sauhirt Enmäos, Der Du uns gelabt mit köstlichem Naß aus der Flasche, Wie Eumäos es tat dem großen Dulder Odysseus, Der viel Meere durchschifft und erst nach länglicher Irrfahrt Springen könnt’ in das Bett, wo Penelope seiner harrte, Wende mich jetzo an Dich, poeta, der leider so oft Du Wurdest geschmäht und gehetzt vom Frankfurter Schreiber Thersites, Wende mich schließlich an mich und gebe den nötigen Ruck mir: An die Gewehre, die Gläser gefaßt, und – Pittje soll leben! Hoch, und abermals hoch und abermals – Pittje soll leben!«
Der Lateiner hatte rührend gesprochen – aber wie klappte der fünfstimmige Tusch auch! – Wie aus der Pistole geschossen klang das »Hoch!« durch die Stube, und der Kanonenofen puffte und knallte dazu, als gelte es, Salut auf Königs Geburtstag zu bollern.
Jetzt aber war’s alle mit Franz Dewers. Die Freude und Begeisterung brachten ihn um. Er mußte sich Luft machen, und trotz der noch anwesenden Stammgäste schlug der Kerl fünf tadellose Purzelbäume wie in seinen besten Jugendjahren hintereinander, bei welchem Bravourstück sein allmächtiger Hosenboden kapriolte und schwappte, als hätten in demselben zwei stattliche Hasen, Rammler und Häsin, Frühlingsgefühle bekommen.
»Jetzo genug,« sagte der Lateiner und verfiel wieder in seine klangvolle Hexameterwut:
»Jetzo genug! – Schon mahnt vom Turm die brummende Glocke Dumpfen Schlages, für uns die Mitternachtsstunde zu künden. Jetzo zu Bett und vertrauet Euch alle Morpheus’ Umarmung, Daß nicht bei lautem Lärm und Gezech und uns allen zur Unehr’ Noch die dämmernde Eos mit Rosenfingern emporsteigt. Morgen ist auch ein Tag. – Gute Nacht – und schlafet in Frieden!«
»Gute Nacht – gute Nacht!« klang es ihm von allen Seiten entgegen.
Dann trennten wir uns.
Alsbald war es still, mäuschenstill, in der Dores Küppersschen Wirtschaft.
Nur ab und zu tutete das Nachtwächterhorn wie aus weiter Ferne in meine Traumwelt hinein; nur ab und zu ein Rascheln hinter den vergilbten Tapeten, ein Trippeln und Piepsen – aber es störte nicht weiter: ich träumte von Pittje Pittjewitt und Kathje Peerenboom. Ich schlief bis weit in den frostigen, klingenden Wintermorgen hinein. Als ich aufwachte, knisterten bereits die Buchenscheite im Ofen; die Eisblumen, die wie Brabanter Klöppelwerk an den Scheiben hafteten, begannen infolgedessen aufzutauen und sanft zu zerfließen, und als ich beim Ankleiden hinaussah, da lachte so ein recht behaglicher, kalter, sonniger Wintermorgen über Marktplatz und Giebeldächer, die alle weiße Nachtmützen trugen und mit einem fast großväterlichen Wohlwollen auf das kleinstädtische Leben herabsahen, das aus einigen schnellfüßigen Bäckerjungen, der Zeitungsfrau und etlichen Spatzen bestand, von denen die letzteren nicht müde wurden, sich um ein Roßäpfelhäuflein zu balgen, das sich lediglich als ein Überbleibsel des gestern abend angekommenen Postzuges ausweisen konnte. Das war zurzeit das einzige Leben im Zwing und Bann des weltvergessenen niederrheinischen Winkels.
In den Schaufenstern des gegenüberliegenden Bäckerladens paradierten großmächtige Spekulatiusmänner, Kalkarer Janhagel und Aachener Printen, die, mit Fichtenzweigen besteckt, an die nicht mehr ferne Zeit der heiligen Weihnacht gemahnten. Wie oft hatte ich als Junge mit meinen Kumpanen vor diesem Laden gestanden, hatte nach den Mandeln und Kardamomen die Finger geschleckt und mich dabei umschauern lassen von dem Zauber der kommenden Tage, der ahnungsvoll heraufdämmerte und von dem süß geheimnisvollen Zirpen der Heimchen, von dem harzig duftenden Wunderbäumchen mit den brennenden Lichtern und dem stillen Walten der heiligen drei Könige aus Mohrenland erzählte. – Auch heute beschlich mich dieses Gefühl, auch jetzt kehrte mir die Jugendzeit lebhaft zurück, auch heute mußte ich an Vater und Mutter denken, die nicht mehr sind, an die kleine Schwester, die da draußen auf dem Friedhof der kleinen Stadt begraben liegt und an so viele, die den Weihnachtsbaum umstanden hatten in den Tagen der Kindheit.
Es war spät am Morgen geworden, und die dämmernde Eos, von der der lateinische Heinrich gestern abend so schön gesagt und gesungen, winkte schon längst mit ihren Rosenfingern vom Himmel, als ich nach einem mit Dores Küppers gemeinschaftlich eingenommenen Frühstück auf den Marktplatz hinaustrat, um mich von hier aus auf den Weg zu Pittje zu machen.
Na – ich ging denn, begrüßte im Weitergehen die alte, überzuckerte Linde und das Standbild des Generals Seydlitz, dessen aufgekrempter Reiterhut sich über Nacht mit den feinsten Dunenfedern geschmückt hatte – und wie ich so ging und mich schon in Gedanken auf das Wiedersehen mit Pittje freute, da begann plötzlich in langen und dumpfen Schlägen die Totenglocke zu läuten.
»Sollte Kathje Peerenboom etwa schon jetzt…«
Ich vermochte den Gedanken nicht weiter auszuspinnen, denn fast gleichzeitig mit dem Auftauchen desselben bewegte sich ein kleiner Trauerzug um die Rathausecke dem Markt zu. Er kam von der Grabenstraße, auf der das Hospital der barmherzigen Schwestern gelegen. Das dumpfe Glockengeläut mit ihren scharfen Responsorien übertönend, schritten Kaplan, Küster, Meßjungen und Kreuzträger dem schlichten, mit blinkenden Zinnornamenten verzierten Sarge voraus, der, von sechs etwas fragwürdigen, aber ganz in Schwarz gekleideten Männern getragen, hoch über die blendendweiße Schneedecke heranschwankte.
Unter dem üblichen monotonen Gesang kam der Zug näher und näher. Einige Leute, Männer und Frauen, traten neugierig aus den Häusern, um den sehr einfachen Trauerpomp auf sich wirken und vorüberziehen zu lassen.
»Oremus…!«
Jetzt wurde die große Linde passiert, und der Zug schickte sich an, mehr nach links einzubiegen, als ich des ersten Leidtragenden ansichtig wurde. Es war der geistliche Herr von gestern abend im Postwagen. Keine Bewegung zeigte sich in seinem Gesicht. Es war ruhig und kalt wie Buttermilch, die auf einer Schale mit Eis steht. Hinter ihm folgte die lange Kanders, die Lichtjungfer, im schwarzen Kleid von Merinowolle; sie kam mit einigen Frauen und Männern, deren Namen mir im Laufe der Zeit entfallen waren, und dann – ganz zuletzt, ganz allein und mit gesenktem Kopf: Pittje Pittjewitt.
»Pittje, mein Pittje…!«
Ich hätte aufschreien mögen.
Vornübergebeugt, im braunen Gehrock, den sich zuckerhutartig verjüngenden Zylinder mit einem großen Trauerflor umwunden, den Rotbaumwollenen unterm linken Arm tragend und die beiden Hände gefaltet, so schritt Pittje ganz zuletzt im Leichengefolge und schien die Schneestapfen zu zählen, die vor ihm auftauchten.
Jetzt wandte er sich.
Gott! – wie hatte sich der Mann im Laufe eines Jahres geändert. Er war kleiner geworden, in sich zusammengeschrumpft, verhutzelt, verkümmert – und dennoch: das waren die lieben Züge, dieselben wasserhellen und gutmütigen Augen wie früher.
»Pittje…!«
Ich hatte leise gerufen; dann war ich an seine Seite getreten. Schweigend drückte ich ih